Zerflirtet: Kobayashi Maru

Es gibt Erlebnisse, die dafür sorgen, dass man eine Zurückweisung nach einem Annäherungsversuch zu schätzen wissen kann. Dass man dankbar für jeden Korb wird, der – mit schönen Worten geschmückt – Anerkennung und Respekt für die Überwindung zum Ausdruck bringt, die man für eine solche Aktion aufbringen muss. Und ich meine nicht türkischen Teenie-Gangster-Respekt, sondern ganz einfache, solide Achtung. Ich rede davon, dass man seine Menschenwürde behält; dass man hinterher immer noch in den Spiegel gucken kann. Kann man dies nicht, liegt das womöglich an einem Erlebnis wie diesem hier:

Vor einigen Jahren fiel mir beim Einkaufen eine hübsche, junge Angestellte in einem Supermarkt auf. Ich kaufte damals regelmäßig dort ein und so kam es, dass ich mit jedem Mal, das ich sie dort sah, mehr Begeisterung für sie empfand. Es dauerte nicht lange, bis ich beschloss, sie anzusprechen, um mich mit ihr zu verabreden. Zu meiner Freude und Verwunderung, sagte sie zu und schrieb mir mit einem Kugelschreiber ihre eMail-Adresse auf eine Staude Bananen, die unter anderem zu meinem Einkauf gehörte. Ich nichtsahnender, auf meinem Heimweg nun fröhlich frohlockend- und jauchzender, dem Himmel für diese Großzügigkeit dankend und glucksend vor Glück grunzender, über Pfützen hüpfender Narr habe natürlich gedacht, ein Date mit ihr in der Tasche zu haben. Doch nachdem ich eine eMail an sie verschickt hatte, in der ich einen Ort und einen Zeitpunkt für ein Treffen vorschlug, wartete ich vergeblich auf eine Antwort. Nach ungefähr zwei Wochen verlor ich die Geduld und zog weitere Maßnahmen in Betracht. Zuerstmal überlegte ich, was der Grund für das Nichtantworten sein könnte, ehe ich weitere Interventionen beschloss. War meine Nachricht ungeschickt formuliert oder der Treffpunkt schlecht gewählt? Habe ich ihr zu schnell geschrieben? Oder gab es eine technische Ursache, sodass sie die eMail erst gar nicht zu lesen bekam? Oder habe ich ihre Antwort aus irgendwelchen Gründen nicht erhalten? Oder wollte sie nicht antworten? Mir war schon damals klar, dass das der wahrscheinlichste aller Gründe war, aber Sinn ergab das Ganze trotzdem nicht. Denn wenn sie nicht im mindesten an einem Date interessiert war, warum gab sie mir dann ihre eMail-Adresse? Die Lüge, bereits einen Freund zu haben, wäre – mal ganz abgesehen von der Wahrheit – viel unkomplizierter gewesen. Außerdem hätte sie doch annehmen müssen, dass ich dort öfter einkaufe und ihr wahrscheinlich nochmal über den Weg laufe. Um mich effektiv loszuwerden, hätte sie anders handeln müssen.

Ich wollte unbedingt herausfinden, warum ich nichts mehr von ihr hörte. Natürlich musste ich dazu noch ein weiteres mal auf sie zugehen, aber ist es nicht erniedrigend, ein Mädchen ein zweites Mal anzusprechen? Doch taktisch gesehen, war es am klügsten, denn so, wie es aussah, hatte ich nichts dabei zu verlieren. Und der Gedanke, dass mir ein Date mit diesem Mädchen nur aufgrund irgendeines dummen Missgeschicks versagt bliebe, war unerträglich. Als ich sie das nächste Mal beim Einkaufen erblickte, nahm ich nochmals all meinen Mut zusammen und ging auf sie zu. Endlich sollte ich die langersehnte Gewissheit bekommen und die Antwort auf all die Fragen, die mich die vergangenen Wochen gequält hatten. Im Innern meines Körpers wurden unlängst Wetten abgeschlossen, welch hanebüchene Story sie mir auftischen würde und nun würde ich sie hören. Der Augenblick der Wahrheit war gekommen. Ich fragte sie, ob sie meine eMail erhalten habe.

Warnung: Lesen Sie bitte nur weiter, wenn sie das Ödland der grauen Realität ertragen und auf das Weglassen von farbenfroher Fiktion gefasst sind.

»Ja.«, lautete die erste Silbe ihrer entschuldigenden Erwiderung. Sie habe meine eMail zwar erhalten, sei aber noch nicht dazu gekommen, mir zu antworten. Pfff… Jegliche Hoffnung löste sich auf in Enttäuschung. Das Rätselraten war vorbei, das Tappen im Dunkeln wich absoluter Klarheit über die gesamte Situation. Ernüchtert nahm ich die rosarote Sonnebrille aus meinem Gesicht, faltete sie ruhig und gefasst zusammen und legte sie irgendwo ins Warenregal. Beiläufig faselte ich noch irgendeine Abschiedsfloskel und ging.

 

Logbuchzusatz:

Irgendwann nach Jahren stieß ich in einem populären sozialen Netzwerk auf ihr Profil und stellte fest, dass sie im Begriff war zu heiraten (ich konnte nun ganz sicher sein, dass sie sich nicht mehr bei mir melden würde). Bei der Aufforderung an die Hochzeitsgäste, die gegen diese Bindung sind, doch jetzt zu sprechen oder für immer zu schweigen, wäre ich am liebsten aufgesprungen, hätte meine Ansprüche auf ein Date geltend gemacht und den Bräutigam mit den Überresten einer vor Jahren verfaulten Banane beschmissen. Stattdessen schickte ich ihr über das Netzwerk einen hämischen Gruß:

Ich warte immer — noch.

Traditionell bekam ich auch darauf nie eine Antwort.

[MIRAGE EIGHT]

Dezember 4, 2011 at 2:48 5 Kommentare

guten freunden gibt man ein küsschen

Nun ist es so, dass es Leute gibt, die behaupten, Studentenpartys wären ein Bumsbasar. Also das was die Klubs in jeder Art von Städten sind. Ich habe mir nie viel bei dieser Äußerung gedacht. Jedoch war ich vor kurzem auf einer dieser Veranstaltungen und mir blieb dort nichts anderes übrig, als dies zu tun. Darüber nachdenken, meine ich. Anfänglich war es noch witzig, als die Jungs, mit denen ich an diesem Abend an der Bar arbeitete, sich primäre männliche Geschlechtsteile aus Luftballons bauten und sie sich vor die Lenden schnallten. Auch, dass man als einziges Mädchen beim Aufbau der Bar von allen Jungs, die alle zwei Köpfe größer waren, ständig in den Arm genommen wurde, weil man offensichtlich einen Beschützerinstikt weckte, war vollkommen in Ordnung.

Dann nach endlosen Tischkickertouren und Alleintanzgängen kamen auch irgendwann Gäste. Küsschen hier, Umarmung dort. Der Pegel stieg mit jedem Lied, welches gespielt wurde. Nachdem meine Schicht beendet war, unterhielt ich mich und schwang mich völlig nüchtern auf die Tanzfläche. Ich denke wäre ich nur ein wenig alkoholisiert gewesen, würden mir folgende Bilder von ganz allein aus dem Kopf gehen.

Man tanzte miteinander. In dem Fall tanzte ich mit den beiden Mädels von der FoWi-Party, welche ich dort kennen lernte. Lena und Hannah. Ich verstand mich sehr gut mit beiden. Ich kannte damit mittlerweile deren komplette WG. Ben war einer der Mitbewohner. Der amüsierte sich bereits weitestgehend. Hannah, eine kleine Süße, mit Püppchengesicht, macht auf jeder Party mit einem Kommilitonen von mir herum. Da es immer der gleiche war, fragte ich mich, warum sie eigentlich kein Paar waren. Sie passten wunderbar zusammen. Lena stand auf einen Typen, den ich nicht kannte. Der hatte aber eine Freundin und so gab sie sich mit kleinen Aufmerksamkeiten von ihm zufrieden.

Man hatte Spaß. Man bewegte sich ausgiebig. Und nach einer Drehung – ja ich drehe mich gelegentlich beim tanzen – sah ich dabei zu, wie Lena und Hannah über die Grenzen eines freundschaftlichen Kusses hinaus gingen. Ich blieb abrupt stehen. Neben mir stand die Liebelei Hannah´s. Ich konnte nicht glauben, was da passiert. Ich sagte ihm, dass beide knutschen würden, als würde ich mich dieser Tatsache absichern wollen. Er starrte, genau wie ich und antwortete „Ja. Geil, oder?“ Ich sah ihn an und meine Augenbrauen schoben sich meine Stirn hinauf, als wollten sie aus meinem Gesicht flüchten. Im gleichen Moment fiel mir ein, dass er ein Kerl ist. Was hatte ich erwartet. Ich sage nicht, dass jeder so reagiert. Aber mir braucht keiner zu erzählen, dass er es nicht toll findet, wenn Mädchen das miteinander tun. Vor allem nicht, wenn sie annähernd hübsch sind. Nur einen Meter von einem entfernt. Ich schüttelte meine Unglaubwürdigkeit ab und ging zur Bar. Dort stellte sich ein Junge seitlich hinter mich und legte den Arm um meine Schulter. Ich sah nach oben in sein Gesicht. Er grinste und sagte, ich solle nicht so schüchtern sein.

War ich das? Schüchtern? Vielleicht sogar prüde? Schüchtern ja. Prüde, weiß ich nicht. Aber wenn man solch eine Veranstaltung besucht, muss man dann dabei mitmachen? Es ist ja nicht so, dass man einen Vertrag beim Einlass unterzeichnet, der jedem gestattet, vorspielähnliche Handlungen mit einem zu vollziehen. Und glaubt mir, ich übertreibe nicht. Einer meiner Kommilitonen stand hinter einem Mädchen und tanzte eng mit ihr. Als er uns sah, lächelte er und zog Mangnummäßig die Augenbrauen kurz hoch, als wolle er uns zeigen, dass er die Kleine schon so gut wie Bett hat. Er drehte ihren Kopf und küsste sie. Es sollte wohl leidenschaftlich wirken. Tat es aber nicht. Er griff ihr an den Busen, strich wild über ihren Bauch und vergrub dann besagte Hand in ihrem Schoß. Es wirkte wie ein unglaublich billiger Porno oder eine Parodie darauf.

Das Problem dabei war, dass er, sowie der Hälfte der in-sich-Verschlungenen vergeben waren. All deren Partner und Partnerinnen saßen zu Haus und dachten womöglich an den oder die Liebste. Ich denke, dies nannte man in den 60ern freie Liebe. Wie die WG von Ben. Das waren sehr freie Liebende. Jeder pennte bei jedem im Bett, wie mir mitgeteilt wurde. Dabei war es sicherlich nicht unwahrscheinlich, dass auch mal mehr als ein Traum geteilt wurde. Bevor ich dies erfuhr, tanzte ich noch einmal mit Hannah und Lena. Sie umarmte erst Lena, dann mich. Lena sagte, ich würde immer so gut duften und Hannah strich mit einem ihrem Zeigefinger und einem lasziven Blick von meinem Hals, über mein Dekolletee hinab, über meinen Bauch bis kurz vor den Bund meiner Hose. Ich lächelte verdutzt und drehte mich um. Mit großen Schritten lief ich zur Bar. Ich brauchte jetzt erst einmal etwas zu trinken. Wenn es das war, wofür ich es hielt, bedanke ich mich an dieser Stelle aufrichtig für das Kompliment. Aber es gibt keine sexuelle Revolution mehr zu führen, was bedeutet ich muss das nicht tun, um die Rolle der Frau sexuell zu befreien. Und wenn ich das Bedürfnis habe mit einem Mädchen etwas anzufangen, dann sicher nicht auf solch einer spannungsgeladenen Studentenparty. Da bin ich dann doch lieber prüde.

November 27, 2011 at 4:07 3 Kommentare

damn not sure

Ich dachte eigentlich, dass der letzte Artikel über Ben, der letzte für das Zeugnis seiner Existenz sei. Aber da irrte ich mich streng. Ich bin so unglaublich beeindruckt von diesem Menschen, dass ich ihm diesen Artikel widme. Er soll es mir nachsehen, insofern er jemals davon erfährt.

Nachdem ich merkte, dass Alkohol ein hemmungslösendes Mittel für ihn ist, war es für mich nicht mehr allzu schlimm, tagsüber keine Gespräche mit ihm zu führen.Der Grund dafür war ein schlichter. Er war einfach nicht interessant genug. Ja wir teilten Eigenschaften. Jedoch besaß er zu wenige eigene, die ein Interesse an seiner Person gerechtfertigt hätten. An dieser Stelle, möchte ich äußern, dass nicht zu reden jemanden nicht zwangsläufig interessanter macht. Punkt.

Vergangene Woche hatten wir Abends eine Veranstaltung, die sich Nachtwanderung schimpfte und solch eine auch war. Ohne besonderen Schnickschnack wie Erschrecken und derlei Sachen, die man aus seiner Kindheit kennt. Man muss dazu sagen, dass diese Idee einem Kommilitonen entsprang, um die Matrikel einander näher zu bringen. Ich bin kein Spaziergänger, aber des Nachts durch einen Wald zu stampfen hat schon etwas für sich. Vor allem bei meinem Unvermögen selbst bei Tageslicht nicht peinlich zu stürzen. Wir tranken Glühwein, damit die Wanderung an Spaß gewann. Ich unterhielt mich mit ein paar Leuten und Ben setzte sich mit Freunden hinter mich an den Tisch. Ich bemerkte ihn und grüßte. Drei Minuten später lief ich davon und unterhielt mich mit den zwei Mädchen, welche ich auf der letzten Veranstaltung kennen gelernt hatte. Als der Aufbruch nahte, kam Ben und wir tauschten dünne Wortsuppe. Wir liefen los und ich bemerkte, dass ich auf einmal allein mit Ben lief. So war das nicht geplant. Aber ich nahm es hin.

Er erzählte und ich hörte zu. Immer wieder mal kamen Freunde von ihm vorbei und witzelten über interne Situationen, die ich nicht kannte und die mir egal waren. Mir blieb nichts anderes übrig als zu zuhören, da immer weniger Leute um uns herum her liefen. Vor allem keiner mehr, den ich noch kannte. Die Gruppe zog sich mittlerweile über ein weite Strecke. Ben hatte schon mehr im Turm als ich anfänglich bemerkte und drängte mich immer weiter an den Rand des Weges. Ich fühlte mich wie der positive Teil eines Magneten und mir viel spontan eine Vorbereitung für eines meiner Hochschulpraktika ein. Ich ärgerte mich ein wenig über seine Unkoordiniert. Er leuchtete mir immer wieder mit seiner Taschenlampe ins Gesicht, vorauf ich entnervt, aber lachend reagierte, was ihn übrigens sehr amüsierte.

Nach einer Ewigkeit kamen wir wieder an dem Punkt an, von welchem aus wir los liefen. Ich lieh meine Brille an einen Jungen, den ich gerade kennen lernte und der mir minütig sympathischer wurde, da er mich stark an einen guten Freund erinnerte. Ich sah nicht sehr viel und Ben sagte mir, dass ich ohne Brille echt krass aussähe. Danke für die Blumen, du Wurst. Er sagt ohnehin viele Sachen, die nicht sehr eindeutig sind. Und er erwähnt sie jedes Mal, wenn wir uns sehen. So weiß ich jetzt, dass er es echt krass findet, dass ich draußen in der Kälte sitze und Artikel schreibe, während alle anderen in der warmen Mensa sitzen. Hallo. Da kann man nicht rauchen. Entschuldige, aber man muss schon mal Prioritäten setzen.

Wir liefen weiter zu einer Kneipe, die wir besetzen wollten, da alle die Besitzer so toll fanden. Ben bat seinen Kommilitonen, der noch meine Brille hatte, sie mir wieder zu geben. Ich sagte, dass dies schon so in Ordnung sei und seine silberne Rüstung, in die er sich kurz zuvor zwang, lief an, wie beschädigtes Material nun einmal anläuft, wenn es nicht gepflegt wird. Nicht gerettet werden zu müssen, ist für manche Jungs sehr hart. Er blieb zurück – nein, nicht aus diesem Grund. Ich lief blind mit den anderen weiter. Wir saßen in der Bar und Ben kam zur Tür, zwängte sich neben mich. Er fragte, ob ich heute wieder bei ihm schlafen wollte. Ich sagte, dass ich zurück nach Berlin fahre, aber mich schon für das Küchensofa in seiner WG bei seinen Mitbewohnerinnen angemeldet hatte für die nächste Party. Er bemerkte, dass Gitarre gespielt wurde und sagte dass wir auch zu ihm gehen könnten und er dort Gitarre spielen würde. Ich lächelte und war mir dabei nicht sicher, ob es spottend aussah. Glücklicherweise sah ich ihm nicht ins Gesicht. Er fragte, als er keine Antwort erhielt, ob wir eine Partie Billard miteinander spielen würden. Ich nickte und schon war er wieder weg, was mich kaum tangierte.

Später war ich schon mitten im Billardspiel, als er dazu stieß. In einer Pause setzte ich mich zu ihm und den Mädels und er erzählte mir, wie er sich für den nächsten Abend zur Bad-Taste-Party der BWLer – oh man, nicht schon wieder eine Mottoparty – verkleiden wolle. Er sagte sein Anhängsel solle zu ihm kommen und ihm helfen. Es wurde erwähnt, dass diese doch gar nicht da sei. Einen Moment lang realisierte er, dass er mit ihr in seinem Bett also nicht zu rechnen hatte und fragte mich, ob ich da sein würde. Ich lächelte süffisant und sagte „Nä, BWLer-Partys sind nicht so meins“. Es knackte. Ich fragte mich, ob es sein Stolz war, welcher brach oder das Geräusch von meinem verbalen Tritt in seine Weichteile her rührte. Er sah mich an und erzählte mir davon, wie er eben noch im Nebenraum saß und die beste Szene eines deutschen Liebesfilmes gesehen hatte. Ich fragte, welche und als er begann sie wieder zu geben, bereute ich die Frage schon. Als er fertig war, schaffte ich es gerade noch so mit einem gezwungenen Lächeln zu nicken und spielte dann weiter. Anna erklärte mir später, dass Jungs so was irgendwie immer sagen – habe sie das Gefühl -, um Mädchen ins Bett zu bekommen. Danke für diese Information.

Als es Zeit war zu gehen, verabschiedete ich mich von allen mit einer Umarmung. Einer der Jungs, mit denen ich schon länger zu tun hatte, hielt mich zu lang für diese freundschaftliche Geste im Arm und ich winkelte meine Bein an – wie beim filmisch perfekten Kuss -, um alles etwas theatralisch wirken zu lassen. Als ich durch war, beugte ich mich nicht zu Ben, sondern verabschiedete mich mit dem Gruß, welchen er für uns ersann. Im gleichen Moment sah er zu Boden. Es war ihm kaum möglich mich anzusehen. Er schien enttäuscht. Aber ich kann mich auch irren. Er tat mir irgendwie leid. So ein süßer, begabter Junge. Aber er war zu jung, um in Unsinnigkeiten mit ihm zu verfallen. Außerdem bin ich so ungern eine Kerbe im Bettpfosten eines Heranwachsenden, der sich selbst noch so einiges beweisen muss.

 

November 18, 2011 at 23:36 2 Kommentare

Es gibt so Erkenntnisse, die einen über Nacht heimsuchen. Meistens ist man wach. Weil man vielleicht schlecht schläft. Oder auf einer Studentenparty ist. Sicherlich ist Leon noch ein Begriff. Nach zwei beidseitigen Versuchen, sich auf einer Party zu sehen, schrieb ich ihm – ohne Hoffnung auf Antwort – eine Mail, in der ich ihm mitteilte, dass eine Nacht später eine Veranstaltung sei. Er schrieb knapp danach zurück, dass wenn „wir“ da seien, er auch komme. Ich freute mich. Da ich erwartungslos in die Situation ging. Das Problem mit Erwartungen ist, dass sie sich irgendwann doch in dir breitmachen und du merkst es nicht einmal.

Eine Kommilitonin bot mir einen Schlafplatz in ihrer WG an, da sie in den Urlaub fuhr. Ich nahm dankend an, da ich dann nicht bis um fünf vor Ort auf den Zug warten musste. Wie sich später heraus stellte, eine unglaublich glückliche Fügung. So machte ich mich dort fertig und lernte ungewollt ihre Mitbewohnerin kennen. Sie kam mir bekannt vor. Und dann schlug es ein, wie eine Bombe. Sie war eines der Mädchen, dass Leon wegen mir hatte stehen lassen. Ich war mir nicht sicher, aber sie wirkte ein wenig verknallt – in ihn, nicht in mich. Sie negierte meine Existenz in dieser Nacht, aber gab mir die geballte Aufmerksamkeit in dem Moment, als ich sie ansah. Und ja sie erwähnte Leon. Es war ein wenig gruselig. Irgendwann machte ich mich auf den Weg, da ich nicht länger auf Darius warten wollte – ein Kommilitone meines Matrikels.

Ich erwartete eine große Party mit vielen hübschen Menschen. Was ich bekam war eine mittelschwere Krise, als ich die Zustände im Etablissement sah. Eine von zwei Bars war geöffnet und auf die billigen Plastikbecher nahmen die Veranstalter – Forstwirtschaftsstudenten – tatsächlich einen Euro Pfand. Ich war schockiert und da noch niemand dort war den ich kannte, verkrümelte ich mich zum Feuer, dass im Freien vor sich hin zündelte. Es gesellten sich etwas später Kommilitonen zu mir und ich unterhielt mich gut. Ich war froh, dass sie da waren. Eine Gruppe Leute kam an und ich konnte durch die Nachtschwärze nicht so richtig erkennen, ob eine soziale Verbindung irgendeiner Art zu ihnen bestand. Ein Junge starrte mich die ganze Zeit an. Er kam näher und ich erkannte Ben. In einem unglaublich bescheuertem Aufzug. Ich sollte erwähnen, dass es eine Motto-Party war. Wie ich so etwas verabscheue.

Er stellte sich zögernd zu uns und wir unterhielten uns ein wenig. Er lächelte die ganze Zeit über und sah mich an. Was ungewöhnlich ist, denn nach unserem gemeinsamen Aufenthalt in seinem Bett wie Bruder und Schwester, meldete er sich nicht und verhielt sich sehr unterkühlt, wenn wir uns auf dem Campus sahen. Ich ließ ihn. Es war mir egal. Ich hatte kein Interesse an emotionalen Auseinandersetzungen jedweder Art. Außerdem hatte er ja seine Freundin erwähnt. Ich hatte wieder das Gefühl, dass seine Zunge mit etwas Alkohol im Blut lockerer saß. Ich lernte seine beiden Mitbewohnerinnen kennen. Sehr süße Mädchen. Wir verbrachten den Abend gemeinsam, als kannten wir uns schon Jahre. Auf so etwas steh ich total.

Ben und ich verabredeten dann doch noch einen Handschlag – ein Überbleibsel aus einem der vergangenen Gespräche – und ich wunderte mich, dass er das alles noch wusste. Wenn einem jemand egal ist, vergisst man so etwas normalerweise. Ich jedenfalls. Er erinnerte sich an erstaunlich viele Details. Als wir zusammen am Feuer saßen, weil er mich bat mit ihm eine rauchen zu gehen, sagte er zu mir, dass er es schon sehe, dass wir wieder bei ihm im Bett landen und uns die ganze Nacht unterhalten und lachen würden. Ich sagte ihm, dass ich woanders einen Schlafplatz hätte, es aber auch kein Problem ergebe, bei ihm zu pennen. Wenn er kein Problem damit hätte, dass ich früh raus musste. Er sah mich an – ich wusste wirklich nicht, ob es abschätzig oder enttäuscht war – und sagte dann sehr barsch „Na, dann geh doch“. Ich musste unweigerlich an die Strandhausszene von „An eternal sunshine of a spotless mind“ denken, als Clemetine genau dies zu Joel sagte.

Leon war übrigens immer noch nicht anwesend und da die Busse nicht mehr fuhren, rechnete ich nicht mehr damit, dass er noch auftauchte. Langsam wird das zu unserem running gag. Zusagen und nicht auftauchen. Beidseitig. Obwohl das letzte Mal nicht meine Schuld war, da er mir nicht zurück schrieb, wo die Veranstaltung sein sollte, über die er mich informierte. Ich muss gestehen, dass ich Leon gern da gehabt hätte. Ben verhielt sich mir gegenüber so distanziert bis zu diesem Abend, dass ich davon ausgehen musste, dass er dachte, ich wäre in ihn verknallt oder ähnliches. Das wollte ich unterbinden. Deshalb hätte ich mit Leon beweisen können, dass ich an ihm kein Interesse hege und unsere Beziehung hätte sich in geordneten Bahnen zu einer Freundschaft entwickeln können. Aber die ganze Angelegenheit erledigte sich dann doch zu meinen Gunsten und ohne mein Zutun von ganz allein.

Ich stand etwas entfernt von Ben und wackelte ein bisschen mit den Huften. Dann ging ein Mädchen auf ihn zu und fing an sich an ihn zu kuscheln. Ich beobachtet die Szene, da ich wissen wollte wie er reagierte. Er reagierte positiv. Auf einmal knutschen beide wild. Ich war schockiert. Er war ein Arschloch. Im gleichen Moment fiel jegliche Anspannung von mir ab. Die Sorgen, welche ich mir bezüglich unserer Beziehung machte waren verflogen. Ich fühlte mich erleichtert. Denn in dem Moment dieser Erkenntnis verlor ich jegliche Achtung vor seiner Person als männliches Wesen. Im gleichen Moment dachte ich an seine Freundin. Sie tat mir leid und ich war glücklich, dass nicht ich es war, die ihr Herz brach. Gleichzeitig wurde mir bewusst, dass ich seine Zeichen unmöglich fehl gedeutet hatte, was mich betraf. Offensichtlich wuchs meine Wahrnehmung.

Kurze Zeit später war die Luft raus und wir beschlossen uns auf den Weg nach Haus zu machen. Ben nahm sein Anhängsel mit. Ich war – keine Ahnung. Gibt es eine Steigerung von Schock? Wenn ja, dann war ich dies. Das Mädchen kannte ich nicht persönlich, welches er für diesen Abend auserkoren hatte, aber ihr Name war mir durchaus ein Begriff. Es rankten sich viele Mythen um sie. Bezüglich Studenten und wie sie diese mit zu sich nahm. Ich hatte kein Problem damit. Jeder soll machen, was er am besten kann. Ich fragte mich dennoch, ob er ihren Ruf kannte, der nicht sehr rosig war. Obwohl sich an dieser Stelle die Frage aufwirft, warum Männer das dürfen und Frauen nicht. Aber das ist ein anderes Thema. Ich verabschiedete mich nur von seiner Mitbewohnerin, nicht aber von ihm. Als er hatte, was er offensichtlich für diesen Abend brauchte, war er wieder etwas distanzierter mir gegenüber. Er lächelte immer noch absolut umwerfend, aber sein Glanz spülte sich mit dem schalen Geschmack des Verrates hinunter. Zufrieden über meine funktionierende Hemmschwelle meine Moral betreffend, ging ich in mein Gastzimmer und schlief selig ein.

November 5, 2011 at 10:48 6 Kommentare

die warte-falle

Eine Freundin meinte mal zu mir, dass wir Mädchen sehr schnell auf männliches Interesse reagieren. Sofern uns derjenige reizt. Ich spreche hier nicht für alle, aber wahrscheinlich findet sich das ein oder andere Mädchen hier wieder. Was schon irgendwie traurig und dennoch tröstend ist.

Die Reaktion, welche sie meinte, war darauf bezogen, dass man beispielsweise auf Anrufe wartet, obwohl man weiß, dass man so etwas unterlassen sollte. Aber man macht es trotzdem. Auch wenn wir es uns schön reden. Wir warten. Und nicht nur auf Anrufe. Wir warten auf Mails, die Anwesenheit auf Kommunikationsplattformen oder kleine Nachrichten, die uns den Tag versüßen könnten, wenn sie doch nur den Weg zu uns fänden.

Wie kommt das? Man lernt sich kennen. Bleibt unverbindlich, weil man sich und andere nicht verletzen will. So geschieht es, dass man im günstigsten Fall die Nummern tauscht. Im ungünstigsten Fall traut man sich nicht danach zu fragen und muss auf die gute alte Spionage zurückgreifen, insofern man das Gefühl hat, dass sich den Kontakt zu halten lohnen könnte. So bei mir geschehen.

Eine Woche nach unserem zweiten Kontakt ließ ich Leon – dem Mediziner – eine Mail zukommen, in der ich ihn – unverbindlich – darüber informierte, dass unser Studiengang ein Semesterangrillen veranstaltete und dass er gern dorthin kommen könnte. Eine Antwort, sowie Rückmeldung blieb aus. Ich bat einen guten Freund um Rat, da ich in diesen Dingen maßlos unerfahren bin. Er riet mir ihn abzuschreiben. Gesagt, getan. Das Abschreiben funktionierte ganz gut. Bis eine einsame Nachricht auf meinem Uni-Account landete. Von Leon. Ich sah darüber hinweg, dass er den Betreff nicht ändert, sondern einfach nur antwortete. Aber das ist ein anderes Thema.

Er schrieb, dass er die vergangene Woche krank war. Nichts ernstes, aber eben nervig. Ja gut. Sich nicht zurück zu melden, weil man eine harmlose Erkältung hatte, lasse ich eigentlich nicht gelten. Aber ich dachte, er wird schon seine Gründe haben. Übrigens immer ein guter Gedanke, um nicht alles so ernst zu nehmen. Er teilte mir mit, dass am Freitag ein Party stattfinden würde und dass er dort kurz vorbeischauen würde, dass wir ja auch kommen könnten und man sich dann sieht. Wer ist wir? Ich wusste nicht, dass ich multipel bin. Damit meinte er sicher Anja, die mich bei dem vergangenen Event begleitet hatte. Also ich bin ja schon schwammig, was Captain Subtext betrifft, aber das übertrifft alles. Entweder er denkt sich so wirklich gar nichts dabei oder er achtet penibel darauf, was er äußert.

Ich schrieb ihm zurück, dass „wir“ noch nichts vorhätten und die Möglichkeit der Anwesenheit bestünde, wenn „“wir“ wüssten, wo das ganze stattfinden soll. Und das war vor zwei Tagen. Seitdem sitze ich entnervt in diesem selbst gebauten Gefängnis, dass sich die Warte-Falle schimpft. Ich weiß, ich sollte nicht warten. Aber Gefühle sind dem Verstand macht-mäßig durchaus überlegen. Egal wie sehr man abwägt und logisch plant. Egal wie sehr man sich anstrengt, Spock zu sein.

So sitzt man also und denkt immer wieder daran, den Account nach dem dreißigsten Mal nicht wieder abzurufen. Man regt sich darüber bei sich selbst und bei Eingeweihten auf. Und hofft dabei, dass es endlich Abend wird und man die eine oder andere Antwort hat. Eben eine Nachricht oder keine.

Es ist ärgerlich, sich so zu sehen. Man denkt unweigerlich an ein Kleinkind, welches sein Spielzeugroboter will, der sich partout nicht vom Fleck auf einen zu bewegt. Und man nimmt es hin. Zu warten. Aktives Warten. Aber länger als bis sieben warte ich nicht – denk ich mir und öffne zum einunddreißigsten Mal an diesem Morgen meine Mailbox. 

Oktober 21, 2011 at 10:35 2 Kommentare

Flirthistorische Dokumente: Der Test

Vor einigen Jahren berichtete ich von der Schönheit vom Nine-Inch-Konzert, der ich nach langer Verfolgungs-Odyssee eine Nachricht zukommen ließ, mit der ich sie dazu bewegen konnte, mir zu antworten und sich mit mir zu verabreden. Aus ihrer Sicht gesehen ein Blind-Date, denn alles, was sie von mir wusste, war, dass ich romantische Zettelchen schreiben konnte. Ein bisschen fühlte ich mich wie in der Rolle des Cyrano de Bergerac. Alles, woran ich denken konnte, waren irgendwelche Erwartungen, die es zu erfüllen galt; wie ich ihrer Vorstellung von mir gerecht werden konnte. Ich hatte zwar keine große Nase, trotzdem erschien mir meine physische Ausstattung nicht dem Idealbild eines gut proportionierten Dreamboys zu entsprechen. Hätte ich ein Surfbrett mit mir herumgetragen, hätte man sich bei meinem Anblick die Frage gestellt, für wen ich es aufbewahre.

Ich war gezwungen, mir eine andere Waffe zu wählen. Ich musste im Kampf mit dem Worte Eindruck machen. Da ich auf diesem Gebiet bereits punkten konnte, war das nur logisch. Nein, die Logik diktierte es geradezu. Die Passion Chris kreierte ein paar Fragen für mich in Form eines Tests, der mich auf dieses schwierige Treffen vorbereiten sollte. Wie man sich vielleicht denken kann, habe ich mich nicht besonders gut auf den Test vorbereitet, also waren die vorgegebenen zehn Minuten zum Beantworten der Fragen sehr knapp bemessen. Insofern sind meine Antworten teils unvollständig und erscheinen mitunter auch nicht sonderlich durchdacht … (Die Passion Chris‘ Korrektur ist rot hervorgehoben)

1. Wie begrüßen Sie die Person? (zwei Alternativen, möglichst optimistisch)

Möglichkeit 1: Ich nehme Bezug auf meinen Brief und begrüße sie mit »Hallo, Unbekannte.«

Möglichkeit 2: Ich spreche sie direkt mit ihrem Namen an, da ich mir sicher bin, dass Sie mich dann auch mit meinem Namen anspricht (persönlicher).

Gut, jedoch ist die Nennung des Namens in jedem Fall vorzuziehen, da es gleich eine Verbundenheit herstellt! 3,5/4

2. Wie handeln Sie bei unangenehmen Schweigen? Gehen Sie auch auf mögliche Konsequenzen ein. Bleiben Sie optimistisch.

Ich bringe das Thema Unangenehmes Schweigen direkt zur Sprache, z.B. indem ich die Person frage, ob sie das Schweigen gerade als unangenehm empfindet oder ob sie so ein Schweigen ab und zu begrüßt.

Nicht sehr kreativ, dafür aber fürsorglich, gut. 4/4

3. Arbeiten Sie mindestens fünf Vorschläge für Unternehmungen aus. Vor- und Nachteile nennen.

Vorschlag 1: »Ich bin Fan von Spaziergängen. Wollen wir einen machen?« Das Ganze wird dann in einen Park gelenkt, wo man sich auf die Wiese setzen und sich unterhalten kann. ✓ 1/1 Vorteile: ständig neue Umgebung, somit viele Leute (viele spontane Witze möglich) kann auch schief gehen; es kann sich immer noch was anderes ergeben; man kann sich gut unterhalten ✓ Nachteile? 0,5/1

Vorschlag 2: Der Klassiker Kaffee trinken: Da wir uns ohne direkten Plan, wo wir eigentlich hingehen, treffen, kann man sicher leicht ein geeignetes Etablissement erblicken und sagen »Lass uns doch da reinsetzen.« ✓ 1/1 Vorteile: man kann sich gut unterhalten. Nachteile: essen/trinken kann unattraktiv aussehen f  Wie essen/trinken Sie denn, dass Sie das befürchten müssen? 0,5/1

Vorschlag 3: Für den Fall, dass sie etwas »ausgeflippt« ist, etwas ungewöhnliches wie Picknick. ✓ In den Park gehen oder Nahrung konsumieren halten Sie für normal, beides zusammen aber nicht? Vorteile: romantisch ; gute Atmosphäre zu sprechen Nachteile: essen/trinken unattraktiv f; wetterabhängig ✓ V1 aber auch, 1/1

V4 + V5? 0/2, zus. 5/10

4. Sie sitzen im Café mit der Person, es dämmert, Sie haben bestellt und unterhalten sich. Die Person sagt, eigentlich hält sie nichts von dieser Art Kontaktaufnahme. Was tun Sie?

Ich sage »›Eigentlich‹ bedeutet, dass es vielleicht ein ›aber‹ gibt.« oder »Dann freut es mich, dass wir uns schließlich doch getroffen haben.« (kommt auf die Person und den Verlauf des Gesprächs an)

Gute Ideen, jedoch zu kurz skizziert. Besser: Gegenfrage ›Warum sie dann doch geantwortet hat.‹ 2/4

insg. 14,5/22 3+
Gut gemacht, nächstes Mal nur etwas schneller!

Meine bescheidenen, zumeinst auto-didaktisch angeeigneten Date-Kenntnisse reichten also für ein solides Befriedigend. Die Note, die ich aber für das tatsächliche Treffen verdient hätte … nun ja … ich glaube, dass kein Test mich darauf hätte vorbereiten können. Ein paar Kenntnisse über die Feldzüge eines geschlagenen Generals mit in die Schlacht zu nehmen (nichts für ungut, Chris) war sicher immer noch besser als nichts, aber welche Fragen würde wohl eine Frau in einem solchen Test stellen? Vielleicht ließe sich ja tatsächlich eine hilfreiche Vorbereitung bewerkstelligen. Es wäre schön, wenn man keine Angst mehr vor einem aufregenden Date haben bräuchte, wenn man vorher fleißig gelernt hat …

Oktober 16, 2011 at 18:05 4 Kommentare

the expected unexpected

 

Wir hatten gerade alles fertig, da kamen auch schon die ersten Gäste. Es war Semesterangrillen. Von unserem Fachschaftsrat organisiert. Wir trollten uns durch die Gegend und fingen an mit einem Fußball herum zu eiern. Dann etwas später, als meine Schuhe durch das Spiel anfingen aus dem Leim zu gehen, gesellte ich mich zu einer Gruppe Redenden. Im Augenwinkel Ben, mit dem ich schon auf der Erstiesparty Kontakt hatte. Ich ignorierte ihn. Ich hörte, dass man das so macht, wenn man interessant wirken will. Keine Ahnung, wer sich das ausgedacht hat.

Irgendwann saß ich mit meinem Freigetränk auf einer Bank nahe eines Feuers und unterhielt mich mit einer wissenschaftlichen Mitarbeiterin, die sehr sympathisch war. Ich sah zu Ben, der mir gegenüber in fünf Meter Luftlinie saß und mich anstarrte. Als er aus dem Träumen aufwachte, schaute er zügig weg. Ich wollte ihm zu prosten, um zu signalisieren, dass ich ihn bemerkte. Er ignorierte mich. Ich fand das sehr passend. Nach ewigen Unterhaltungen und drei Freigetränken später, entschloss ich mich, dass Risiko einzugehen und auch neben ihm sitzend meines Seins ignoriert zu werden.

Als ich mich setzte, war von Ignoranz nichts zu spüren. Wir begannen ein Gespräch, welches sich den kompletten Abend hinzog. Und da Feuer eine sehr romantische Stimmung erzeugen kann, genoss ich den Anblick seiner Augen und seines makellos scheinenden Gesichts. Unsere Blicke verhedderten sich und irgendwann blickte man während des Gespräches auch mal zu Boden, um nicht den Faden zu verlieren. Der Abend neigte sich dem Ende und es herrschte Aufbruchstimmung.

Ich fragte, ob ich den Weg mitgehen könne und Ben bot mir an, noch mit in seine WG auf einen Absacker zu kommen. Ich stimmte zu und wir begannen den Abstieg des Berges, den wir jeden Morgen zur Uni hinauf mussten. Und wie nicht anders zu erwarten, stürzte ich. Souverän, als wäre dies geplant, rappelte ich mich auf und war froh, dass die Nacht die Röte meines Gesichtes verbarg.

Angekommen in der WG, tranken wir tatsächlich noch etwas und der Mitbewohner, welcher uns begleitet hatte, verabschiedete sich zur Nachtruhe. Beide boten mir an auf dem Sofa in der Küche zu pennen, wenn ich mit dem letzten Zug nicht zurück wollte. Ich nahm an.

Ben war musikalisch. Ich mag musikalische Menschen. Ich bat ihn mir auf seiner Gitarre vorzuspielen. Er ließ sich nicht bitten und ich war paralysiert davon, wie seine Finger die Saiten bearbeiteten. Es sah aus, als tanzten seine Hände mit einer schönen Frau, die er liebevoll hielt. Die Szene endete damit, dass wir uns Musikvideos anschauten.Wir lachten ausgiebig. Ich fühlte mich wohl.

Als wir noch eine rauchen waren, bot mir Ben an, bei ihm im Bett zu pennen. Ich war mir nicht sicher, ob etwas dahinter steckte, deshalb haderte ich im ersten Moment. Dann warf ich alle Bedenken über Bord und bedankte mich für das Angebot. Er gab mir eine Schlafhose und ich machte mich bettfertig. Als wir dann da so lagen, fingen wir erneut an uns zu unterhalten. Er redete viel.Weiterhin stellte er fest, dass wir viele Gemeinsamkeiten hatten und begrüßte, dass ich soviel lachte. Wir lagen mit gebührendem Abstand nebeneinander und drehten uns von einer Seite zu der anderen. Es fühlte sich ein wenig so an, als würde ich neben einer Freundin schlafen. Ich entspannte mich. Dann erwähnte er nebenbei, dass er eine Freundin hat. Ich stockte. Ich dachte darüber nach, was ich machen würde, wenn ich wüsste, dass fremde Mädchen neben meinem Freund schlafen würden. Es würde mir nicht sonderlich gefallen. Egal wie vertrauenswürdig beide Personen sind. Dennoch fühlte es sich nicht so an, als würde ich neben jemanden liegen, der mich gleich küssen wollte. Semischlafend erzählte er mir von allem möglichen. Von seiner Exfreundin, von seiner ehemals besten Freundin. Und ich dachte vielleicht ist er ja auf der Suche nach einer neuen besten Freundin. Damit hatte ich keine Probleme, da sämtliche körperliche Anziehungskraft durch die Müdigkeit und seine basslastige Stimme, die mich vom schlafen abhielt, im Nirgendwo seines großen Zimmers verhallten.

Um vier schaute er – meines Erachtens ein schwerwiegender Fehler – das letzte Mal auf die Uhr und dann fingen wir an einzuschlafen. Die Nacht war hart. Ich schlafe nicht sonderlich gut, wenn jemand neben mir liegt. Zwischendurch wachte ich immer wieder mal auf. Einmal lag er dicht neben mir. Wir berührten uns nicht, aber ich spürte die Wärme seines schlummernden Körpers. Ich erinnerte mich daran, wie es war neben jemandem aufzuwachen . Die Erinnerung und der Moment in dem ich lag, zauberten mir ein Lächeln auf die Lippen. Das Wissen um tiefe Verbundenheit ereilte mich und setzte sich zu mir ans Bett. Es streichelte mir über das Haar und flüsterte mir zu, ich solle mir keine Sorgen machen. Egal um was.

Ich erwachte und wollte nicht mehr liegen bleiben, also beschloss ich mich aus dem Bett zu stehlen. Ben lag dicht am Rand seiner Bettseite. So lag er, mit dieser einen Ausnahme, die ganze Nacht dort. Ein Gentleman, dachte ich bei mir und nahm meine Sachen. Nachdem er dann auch endlich wach wurde, saßen wir am Tisch und frühstückten. Nebenbei bemerkte er, wie witzig der Abend war. Ich kannte diese Floskel. Man benutze sie, um Situationen zu entschärfen. Er aß etwas und ich trank Kaffee.Wir tauten nur langsam auf. Ich hatte das Gefühl, dass seine Zunge mit ein, zwei Bier lockerer saß. Wir schauten uns nur selten an. Ich wartete noch, bis er sich fertig machte und verließen gemeinsam das Haus. Alles andere hätte ich sehr unhöflich gefunden. Wir verabschiedeten uns mit einem Handschlag, was mehr als kurios war. Aber ich ließ ihn und er ließ mich.

Den Weg nach Haus besang mich Born Gold mit Alabaster Bodyworlds und ich lächelte vor mich hin, erstaunt über meine neue Risikobereitschaft und deren nicht absehbaren Konsequenzen.

Oktober 13, 2011 at 19:00 8 Kommentare

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