the expected unexpected

Oktober 13, 2011 at 19:00 8 Kommentare

 

Wir hatten gerade alles fertig, da kamen auch schon die ersten Gäste. Es war Semesterangrillen. Von unserem Fachschaftsrat organisiert. Wir trollten uns durch die Gegend und fingen an mit einem Fußball herum zu eiern. Dann etwas später, als meine Schuhe durch das Spiel anfingen aus dem Leim zu gehen, gesellte ich mich zu einer Gruppe Redenden. Im Augenwinkel Ben, mit dem ich schon auf der Erstiesparty Kontakt hatte. Ich ignorierte ihn. Ich hörte, dass man das so macht, wenn man interessant wirken will. Keine Ahnung, wer sich das ausgedacht hat.

Irgendwann saß ich mit meinem Freigetränk auf einer Bank nahe eines Feuers und unterhielt mich mit einer wissenschaftlichen Mitarbeiterin, die sehr sympathisch war. Ich sah zu Ben, der mir gegenüber in fünf Meter Luftlinie saß und mich anstarrte. Als er aus dem Träumen aufwachte, schaute er zügig weg. Ich wollte ihm zu prosten, um zu signalisieren, dass ich ihn bemerkte. Er ignorierte mich. Ich fand das sehr passend. Nach ewigen Unterhaltungen und drei Freigetränken später, entschloss ich mich, dass Risiko einzugehen und auch neben ihm sitzend meines Seins ignoriert zu werden.

Als ich mich setzte, war von Ignoranz nichts zu spüren. Wir begannen ein Gespräch, welches sich den kompletten Abend hinzog. Und da Feuer eine sehr romantische Stimmung erzeugen kann, genoss ich den Anblick seiner Augen und seines makellos scheinenden Gesichts. Unsere Blicke verhedderten sich und irgendwann blickte man während des Gespräches auch mal zu Boden, um nicht den Faden zu verlieren. Der Abend neigte sich dem Ende und es herrschte Aufbruchstimmung.

Ich fragte, ob ich den Weg mitgehen könne und Ben bot mir an, noch mit in seine WG auf einen Absacker zu kommen. Ich stimmte zu und wir begannen den Abstieg des Berges, den wir jeden Morgen zur Uni hinauf mussten. Und wie nicht anders zu erwarten, stürzte ich. Souverän, als wäre dies geplant, rappelte ich mich auf und war froh, dass die Nacht die Röte meines Gesichtes verbarg.

Angekommen in der WG, tranken wir tatsächlich noch etwas und der Mitbewohner, welcher uns begleitet hatte, verabschiedete sich zur Nachtruhe. Beide boten mir an auf dem Sofa in der Küche zu pennen, wenn ich mit dem letzten Zug nicht zurück wollte. Ich nahm an.

Ben war musikalisch. Ich mag musikalische Menschen. Ich bat ihn mir auf seiner Gitarre vorzuspielen. Er ließ sich nicht bitten und ich war paralysiert davon, wie seine Finger die Saiten bearbeiteten. Es sah aus, als tanzten seine Hände mit einer schönen Frau, die er liebevoll hielt. Die Szene endete damit, dass wir uns Musikvideos anschauten.Wir lachten ausgiebig. Ich fühlte mich wohl.

Als wir noch eine rauchen waren, bot mir Ben an, bei ihm im Bett zu pennen. Ich war mir nicht sicher, ob etwas dahinter steckte, deshalb haderte ich im ersten Moment. Dann warf ich alle Bedenken über Bord und bedankte mich für das Angebot. Er gab mir eine Schlafhose und ich machte mich bettfertig. Als wir dann da so lagen, fingen wir erneut an uns zu unterhalten. Er redete viel.Weiterhin stellte er fest, dass wir viele Gemeinsamkeiten hatten und begrüßte, dass ich soviel lachte. Wir lagen mit gebührendem Abstand nebeneinander und drehten uns von einer Seite zu der anderen. Es fühlte sich ein wenig so an, als würde ich neben einer Freundin schlafen. Ich entspannte mich. Dann erwähnte er nebenbei, dass er eine Freundin hat. Ich stockte. Ich dachte darüber nach, was ich machen würde, wenn ich wüsste, dass fremde Mädchen neben meinem Freund schlafen würden. Es würde mir nicht sonderlich gefallen. Egal wie vertrauenswürdig beide Personen sind. Dennoch fühlte es sich nicht so an, als würde ich neben jemanden liegen, der mich gleich küssen wollte. Semischlafend erzählte er mir von allem möglichen. Von seiner Exfreundin, von seiner ehemals besten Freundin. Und ich dachte vielleicht ist er ja auf der Suche nach einer neuen besten Freundin. Damit hatte ich keine Probleme, da sämtliche körperliche Anziehungskraft durch die Müdigkeit und seine basslastige Stimme, die mich vom schlafen abhielt, im Nirgendwo seines großen Zimmers verhallten.

Um vier schaute er – meines Erachtens ein schwerwiegender Fehler – das letzte Mal auf die Uhr und dann fingen wir an einzuschlafen. Die Nacht war hart. Ich schlafe nicht sonderlich gut, wenn jemand neben mir liegt. Zwischendurch wachte ich immer wieder mal auf. Einmal lag er dicht neben mir. Wir berührten uns nicht, aber ich spürte die Wärme seines schlummernden Körpers. Ich erinnerte mich daran, wie es war neben jemandem aufzuwachen . Die Erinnerung und der Moment in dem ich lag, zauberten mir ein Lächeln auf die Lippen. Das Wissen um tiefe Verbundenheit ereilte mich und setzte sich zu mir ans Bett. Es streichelte mir über das Haar und flüsterte mir zu, ich solle mir keine Sorgen machen. Egal um was.

Ich erwachte und wollte nicht mehr liegen bleiben, also beschloss ich mich aus dem Bett zu stehlen. Ben lag dicht am Rand seiner Bettseite. So lag er, mit dieser einen Ausnahme, die ganze Nacht dort. Ein Gentleman, dachte ich bei mir und nahm meine Sachen. Nachdem er dann auch endlich wach wurde, saßen wir am Tisch und frühstückten. Nebenbei bemerkte er, wie witzig der Abend war. Ich kannte diese Floskel. Man benutze sie, um Situationen zu entschärfen. Er aß etwas und ich trank Kaffee.Wir tauten nur langsam auf. Ich hatte das Gefühl, dass seine Zunge mit ein, zwei Bier lockerer saß. Wir schauten uns nur selten an. Ich wartete noch, bis er sich fertig machte und verließen gemeinsam das Haus. Alles andere hätte ich sehr unhöflich gefunden. Wir verabschiedeten uns mit einem Handschlag, was mehr als kurios war. Aber ich ließ ihn und er ließ mich.

Den Weg nach Haus besang mich Born Gold mit Alabaster Bodyworlds und ich lächelte vor mich hin, erstaunt über meine neue Risikobereitschaft und deren nicht absehbaren Konsequenzen.

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Letztens … Flirthistorische Dokumente: Der Test

8 Kommentare Add your own

  • 1. vALeRie  |  Oktober 13, 2011 um 21:54

    Oh man… nun muss ich wohl jede Woche gratulieren! na dann Herzlichen zur neuen Risikobereitschaft! Wird auch Zeit Mädchen! Wobei.. na ja…
    „da sämtliche körperliche Anziehungskraft durch die Müdigkeit und seine basslastige Stimme, die mich vom schlafen abhielt, im Nirgendwo seines großen Zimmers verhallten“
    großartig!

    „Das Wissen um tiefe Verbundenheit ereilte mich und setzte sich zu mir ans Bett.“ voll toll!

  • 2. Dr. Love  |  Oktober 14, 2011 um 9:17

    Wow, scheint ja n richtig schöner Abend gewesen zu sein. Das späte Erwähnen seiner Freundin als auch der Handschlag 😀 sind echt die Burner. Ich finds auch strange, dass er Dich trotz Freundin im eigenen Bett übernachten lässt. Die gesellschaftlichen Konventionen hätten das gemeinsame Übernachten im selben Zimmer wohl durchgehen lassen, aber im gleichen Bett? Huiuiui. Naja, vielleicht ist deren Beziehung ja so offen wie eine madige Wunde, wer weiß.

    Schöner Artikel 🙂

  • 3. audrey  |  Oktober 14, 2011 um 9:44

    Nicht wahr. Passt hier rein, wie Kirk zu Spock. Ich wundere mich, dass so etwas wirklich geschieht. Vielleicht ist deren Beziehung viel zu frisch, als das so etwas daran rütteln kann. Aber prinzipiell war es eine gute Erfahrung. Mal sehen, ob wir uns einander noch unter die Augen treten können 😀

  • 4. Dr. Love  |  Oktober 14, 2011 um 10:04

    Vielleicht ist die Beziehung ja auch schon alt und brüchig wie ein getrocknetes Laubblatt!? Vielleicht reißt sie so leicht wie nasses Klopapier …

    Wäre zu hoffen, dass Ihr Euch nochmal unter die Augen tretet. Und dann erstmal mit nem kräftigen Handschlag begrüßen …

  • 5. audrey  |  Oktober 15, 2011 um 9:37

    Ich vermute, darauf wird es hinaus laufen. Und ich werde mir das lachen darüber wohl verkneifen müssen. Aber ich muss ihn noch auf ein Mensa-Essen einladen, aufgrund einer Idee, die er halbschlafend hatte. Ist ja schon mal ein Kontktauftakt…

  • 6. Dr. Love  |  November 23, 2011 um 0:36

    Wenn ich diesen Beitrag jetzt nochmal lese … so schnell kann jemand wieder uninteressant sein. Nagut, Du bist fasziniert von Ben (und vermutlich bist Du auch von Hitler begeistert), aber ich schätze, er ist nicht das, was Du Dir anfangs erhofft hattest …

  • 7. audrey  |  November 23, 2011 um 17:32

    nein da hast du was falsch verstanden, kumpel blase. ich finde es bewundernswert so zu sein und sich kein deut zu schämen. nicht der mann ben interessiert mich, sondern der emotionale krüppel ben hat es mir angetan. haha hast du ben gerade mit hitler verglichen?
    glücklicherweise hab ich nichts erwartet, daher ist der verlauf wenig tragisch. aber er schien anfangs tatsächlich netter, bemühter und menschlicher als er er jetzt den anschein hat.

  • 8. Dr. Love  |  November 24, 2011 um 14:14

    Ich habe den Eindruck, dass es ungeheuer viele unverschämte und absolut unsympathische Menschen gibt, die sich nicht im mindesten für ihr Verhalten schämen. Weil sie entweder merken, dass sie so besser zurechtkommen oder weil sie einfach zu dumm sind, um es zu merken. Der Grund ist eigentlich egal, aber bewundern tu ich das nicht gerade. Sonst müsste ich ja unglaublich viele Menschen bewundern …

    Mit dem Hitlervergleich hab ich wohl eher Hitler beleidigt.

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