November 5, 2011 at 10:48 6 Kommentare

Es gibt so Erkenntnisse, die einen über Nacht heimsuchen. Meistens ist man wach. Weil man vielleicht schlecht schläft. Oder auf einer Studentenparty ist. Sicherlich ist Leon noch ein Begriff. Nach zwei beidseitigen Versuchen, sich auf einer Party zu sehen, schrieb ich ihm – ohne Hoffnung auf Antwort – eine Mail, in der ich ihm mitteilte, dass eine Nacht später eine Veranstaltung sei. Er schrieb knapp danach zurück, dass wenn „wir“ da seien, er auch komme. Ich freute mich. Da ich erwartungslos in die Situation ging. Das Problem mit Erwartungen ist, dass sie sich irgendwann doch in dir breitmachen und du merkst es nicht einmal.

Eine Kommilitonin bot mir einen Schlafplatz in ihrer WG an, da sie in den Urlaub fuhr. Ich nahm dankend an, da ich dann nicht bis um fünf vor Ort auf den Zug warten musste. Wie sich später heraus stellte, eine unglaublich glückliche Fügung. So machte ich mich dort fertig und lernte ungewollt ihre Mitbewohnerin kennen. Sie kam mir bekannt vor. Und dann schlug es ein, wie eine Bombe. Sie war eines der Mädchen, dass Leon wegen mir hatte stehen lassen. Ich war mir nicht sicher, aber sie wirkte ein wenig verknallt – in ihn, nicht in mich. Sie negierte meine Existenz in dieser Nacht, aber gab mir die geballte Aufmerksamkeit in dem Moment, als ich sie ansah. Und ja sie erwähnte Leon. Es war ein wenig gruselig. Irgendwann machte ich mich auf den Weg, da ich nicht länger auf Darius warten wollte – ein Kommilitone meines Matrikels.

Ich erwartete eine große Party mit vielen hübschen Menschen. Was ich bekam war eine mittelschwere Krise, als ich die Zustände im Etablissement sah. Eine von zwei Bars war geöffnet und auf die billigen Plastikbecher nahmen die Veranstalter – Forstwirtschaftsstudenten – tatsächlich einen Euro Pfand. Ich war schockiert und da noch niemand dort war den ich kannte, verkrümelte ich mich zum Feuer, dass im Freien vor sich hin zündelte. Es gesellten sich etwas später Kommilitonen zu mir und ich unterhielt mich gut. Ich war froh, dass sie da waren. Eine Gruppe Leute kam an und ich konnte durch die Nachtschwärze nicht so richtig erkennen, ob eine soziale Verbindung irgendeiner Art zu ihnen bestand. Ein Junge starrte mich die ganze Zeit an. Er kam näher und ich erkannte Ben. In einem unglaublich bescheuertem Aufzug. Ich sollte erwähnen, dass es eine Motto-Party war. Wie ich so etwas verabscheue.

Er stellte sich zögernd zu uns und wir unterhielten uns ein wenig. Er lächelte die ganze Zeit über und sah mich an. Was ungewöhnlich ist, denn nach unserem gemeinsamen Aufenthalt in seinem Bett wie Bruder und Schwester, meldete er sich nicht und verhielt sich sehr unterkühlt, wenn wir uns auf dem Campus sahen. Ich ließ ihn. Es war mir egal. Ich hatte kein Interesse an emotionalen Auseinandersetzungen jedweder Art. Außerdem hatte er ja seine Freundin erwähnt. Ich hatte wieder das Gefühl, dass seine Zunge mit etwas Alkohol im Blut lockerer saß. Ich lernte seine beiden Mitbewohnerinnen kennen. Sehr süße Mädchen. Wir verbrachten den Abend gemeinsam, als kannten wir uns schon Jahre. Auf so etwas steh ich total.

Ben und ich verabredeten dann doch noch einen Handschlag – ein Überbleibsel aus einem der vergangenen Gespräche – und ich wunderte mich, dass er das alles noch wusste. Wenn einem jemand egal ist, vergisst man so etwas normalerweise. Ich jedenfalls. Er erinnerte sich an erstaunlich viele Details. Als wir zusammen am Feuer saßen, weil er mich bat mit ihm eine rauchen zu gehen, sagte er zu mir, dass er es schon sehe, dass wir wieder bei ihm im Bett landen und uns die ganze Nacht unterhalten und lachen würden. Ich sagte ihm, dass ich woanders einen Schlafplatz hätte, es aber auch kein Problem ergebe, bei ihm zu pennen. Wenn er kein Problem damit hätte, dass ich früh raus musste. Er sah mich an – ich wusste wirklich nicht, ob es abschätzig oder enttäuscht war – und sagte dann sehr barsch „Na, dann geh doch“. Ich musste unweigerlich an die Strandhausszene von „An eternal sunshine of a spotless mind“ denken, als Clemetine genau dies zu Joel sagte.

Leon war übrigens immer noch nicht anwesend und da die Busse nicht mehr fuhren, rechnete ich nicht mehr damit, dass er noch auftauchte. Langsam wird das zu unserem running gag. Zusagen und nicht auftauchen. Beidseitig. Obwohl das letzte Mal nicht meine Schuld war, da er mir nicht zurück schrieb, wo die Veranstaltung sein sollte, über die er mich informierte. Ich muss gestehen, dass ich Leon gern da gehabt hätte. Ben verhielt sich mir gegenüber so distanziert bis zu diesem Abend, dass ich davon ausgehen musste, dass er dachte, ich wäre in ihn verknallt oder ähnliches. Das wollte ich unterbinden. Deshalb hätte ich mit Leon beweisen können, dass ich an ihm kein Interesse hege und unsere Beziehung hätte sich in geordneten Bahnen zu einer Freundschaft entwickeln können. Aber die ganze Angelegenheit erledigte sich dann doch zu meinen Gunsten und ohne mein Zutun von ganz allein.

Ich stand etwas entfernt von Ben und wackelte ein bisschen mit den Huften. Dann ging ein Mädchen auf ihn zu und fing an sich an ihn zu kuscheln. Ich beobachtet die Szene, da ich wissen wollte wie er reagierte. Er reagierte positiv. Auf einmal knutschen beide wild. Ich war schockiert. Er war ein Arschloch. Im gleichen Moment fiel jegliche Anspannung von mir ab. Die Sorgen, welche ich mir bezüglich unserer Beziehung machte waren verflogen. Ich fühlte mich erleichtert. Denn in dem Moment dieser Erkenntnis verlor ich jegliche Achtung vor seiner Person als männliches Wesen. Im gleichen Moment dachte ich an seine Freundin. Sie tat mir leid und ich war glücklich, dass nicht ich es war, die ihr Herz brach. Gleichzeitig wurde mir bewusst, dass ich seine Zeichen unmöglich fehl gedeutet hatte, was mich betraf. Offensichtlich wuchs meine Wahrnehmung.

Kurze Zeit später war die Luft raus und wir beschlossen uns auf den Weg nach Haus zu machen. Ben nahm sein Anhängsel mit. Ich war – keine Ahnung. Gibt es eine Steigerung von Schock? Wenn ja, dann war ich dies. Das Mädchen kannte ich nicht persönlich, welches er für diesen Abend auserkoren hatte, aber ihr Name war mir durchaus ein Begriff. Es rankten sich viele Mythen um sie. Bezüglich Studenten und wie sie diese mit zu sich nahm. Ich hatte kein Problem damit. Jeder soll machen, was er am besten kann. Ich fragte mich dennoch, ob er ihren Ruf kannte, der nicht sehr rosig war. Obwohl sich an dieser Stelle die Frage aufwirft, warum Männer das dürfen und Frauen nicht. Aber das ist ein anderes Thema. Ich verabschiedete mich nur von seiner Mitbewohnerin, nicht aber von ihm. Als er hatte, was er offensichtlich für diesen Abend brauchte, war er wieder etwas distanzierter mir gegenüber. Er lächelte immer noch absolut umwerfend, aber sein Glanz spülte sich mit dem schalen Geschmack des Verrates hinunter. Zufrieden über meine funktionierende Hemmschwelle meine Moral betreffend, ging ich in mein Gastzimmer und schlief selig ein.

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die warte-falle damn not sure

6 Kommentare Add your own

  • 1. Dr. Love  |  November 5, 2011 um 14:43

    Das war dann wohl die letzte Guest-Star-Appearance von Ben. So ein feuchter Dildo, unglaublich. Vielleicht war die Torte ja zufällig seine Freundin 😀

    Das mit Leon ist langsam echt n cooler Gag. Trotzdem ist das eher sowas wie ein Tropfen auf dem heißen Stein seines zwischenmenschlichen Versagens, der seine Existenz noch lange nicht zu rechtfertigen vermag. Gibts denn keine richtigen Menschen auf diesen Parties???

    ps: Kein Titel diesmal? Hat was 🙂

  • 2. audrey  |  November 6, 2011 um 21:23

    ich finde der post und das bild sprechen bände. kein titel notwendig.
    haha feuchter dildo. du nun wieder. aber es war nicht bens freundin.
    ich bin mir unschlüssig, ob ich diesen leon-gag weiter führen soll. es stehen noch eine nachtwanderung und eine party an. und ich weiß, wenn er mich zu der bwler-party einlädt, sage ich zu, komme aber nicht. bang. ins gesicht.

  • 3. Dr. Love  |  November 7, 2011 um 19:24

    du wirst auch gar nicht hin kommen können, weil er dir keine adresse schicken wird 😀 aber ja, mach das und obsiege zuletzt.

  • 4. audrey  |  November 11, 2011 um 8:20

    haha verdammt, da könntest du sogar recht haben.

  • 5. Dennis  |  November 15, 2011 um 10:11

    Lehrreicher Post. Interessant, wenn man sowas auch mal aus einer anderen Perspektive ansehen kann.

  • 6. audrey  |  November 22, 2011 um 22:06

    lehrreich? du meinst aus weiblicher sicht ? oder wegen dem inhalt? ben ? haha

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