Zerflirtet: Kobayashi Maru

Dezember 4, 2011 at 2:48 5 Kommentare

Es gibt Erlebnisse, die dafür sorgen, dass man eine Zurückweisung nach einem Annäherungsversuch zu schätzen wissen kann. Dass man dankbar für jeden Korb wird, der – mit schönen Worten geschmückt – Anerkennung und Respekt für die Überwindung zum Ausdruck bringt, die man für eine solche Aktion aufbringen muss. Und ich meine nicht türkischen Teenie-Gangster-Respekt, sondern ganz einfache, solide Achtung. Ich rede davon, dass man seine Menschenwürde behält; dass man hinterher immer noch in den Spiegel gucken kann. Kann man dies nicht, liegt das womöglich an einem Erlebnis wie diesem hier:

Vor einigen Jahren fiel mir beim Einkaufen eine hübsche, junge Angestellte in einem Supermarkt auf. Ich kaufte damals regelmäßig dort ein und so kam es, dass ich mit jedem Mal, das ich sie dort sah, mehr Begeisterung für sie empfand. Es dauerte nicht lange, bis ich beschloss, sie anzusprechen, um mich mit ihr zu verabreden. Zu meiner Freude und Verwunderung, sagte sie zu und schrieb mir mit einem Kugelschreiber ihre eMail-Adresse auf eine Staude Bananen, die unter anderem zu meinem Einkauf gehörte. Ich nichtsahnender, auf meinem Heimweg nun fröhlich frohlockend- und jauchzender, dem Himmel für diese Großzügigkeit dankend und glucksend vor Glück grunzender, über Pfützen hüpfender Narr habe natürlich gedacht, ein Date mit ihr in der Tasche zu haben. Doch nachdem ich eine eMail an sie verschickt hatte, in der ich einen Ort und einen Zeitpunkt für ein Treffen vorschlug, wartete ich vergeblich auf eine Antwort. Nach ungefähr zwei Wochen verlor ich die Geduld und zog weitere Maßnahmen in Betracht. Zuerstmal überlegte ich, was der Grund für das Nichtantworten sein könnte, ehe ich weitere Interventionen beschloss. War meine Nachricht ungeschickt formuliert oder der Treffpunkt schlecht gewählt? Habe ich ihr zu schnell geschrieben? Oder gab es eine technische Ursache, sodass sie die eMail erst gar nicht zu lesen bekam? Oder habe ich ihre Antwort aus irgendwelchen Gründen nicht erhalten? Oder wollte sie nicht antworten? Mir war schon damals klar, dass das der wahrscheinlichste aller Gründe war, aber Sinn ergab das Ganze trotzdem nicht. Denn wenn sie nicht im mindesten an einem Date interessiert war, warum gab sie mir dann ihre eMail-Adresse? Die Lüge, bereits einen Freund zu haben, wäre – mal ganz abgesehen von der Wahrheit – viel unkomplizierter gewesen. Außerdem hätte sie doch annehmen müssen, dass ich dort öfter einkaufe und ihr wahrscheinlich nochmal über den Weg laufe. Um mich effektiv loszuwerden, hätte sie anders handeln müssen.

Ich wollte unbedingt herausfinden, warum ich nichts mehr von ihr hörte. Natürlich musste ich dazu noch ein weiteres mal auf sie zugehen, aber ist es nicht erniedrigend, ein Mädchen ein zweites Mal anzusprechen? Doch taktisch gesehen, war es am klügsten, denn so, wie es aussah, hatte ich nichts dabei zu verlieren. Und der Gedanke, dass mir ein Date mit diesem Mädchen nur aufgrund irgendeines dummen Missgeschicks versagt bliebe, war unerträglich. Als ich sie das nächste Mal beim Einkaufen erblickte, nahm ich nochmals all meinen Mut zusammen und ging auf sie zu. Endlich sollte ich die langersehnte Gewissheit bekommen und die Antwort auf all die Fragen, die mich die vergangenen Wochen gequält hatten. Im Innern meines Körpers wurden unlängst Wetten abgeschlossen, welch hanebüchene Story sie mir auftischen würde und nun würde ich sie hören. Der Augenblick der Wahrheit war gekommen. Ich fragte sie, ob sie meine eMail erhalten habe.

Warnung: Lesen Sie bitte nur weiter, wenn sie das Ödland der grauen Realität ertragen und auf das Weglassen von farbenfroher Fiktion gefasst sind.

»Ja.«, lautete die erste Silbe ihrer entschuldigenden Erwiderung. Sie habe meine eMail zwar erhalten, sei aber noch nicht dazu gekommen, mir zu antworten. Pfff… Jegliche Hoffnung löste sich auf in Enttäuschung. Das Rätselraten war vorbei, das Tappen im Dunkeln wich absoluter Klarheit über die gesamte Situation. Ernüchtert nahm ich die rosarote Sonnebrille aus meinem Gesicht, faltete sie ruhig und gefasst zusammen und legte sie irgendwo ins Warenregal. Beiläufig faselte ich noch irgendeine Abschiedsfloskel und ging.

 

Logbuchzusatz:

Irgendwann nach Jahren stieß ich in einem populären sozialen Netzwerk auf ihr Profil und stellte fest, dass sie im Begriff war zu heiraten (ich konnte nun ganz sicher sein, dass sie sich nicht mehr bei mir melden würde). Bei der Aufforderung an die Hochzeitsgäste, die gegen diese Bindung sind, doch jetzt zu sprechen oder für immer zu schweigen, wäre ich am liebsten aufgesprungen, hätte meine Ansprüche auf ein Date geltend gemacht und den Bräutigam mit den Überresten einer vor Jahren verfaulten Banane beschmissen. Stattdessen schickte ich ihr über das Netzwerk einen hämischen Gruß:

Ich warte immer — noch.

Traditionell bekam ich auch darauf nie eine Antwort.

[MIRAGE EIGHT]

Advertisements

Entry filed under: Allgemein.

guten freunden gibt man ein küsschen

5 Kommentare Add your own

  • 1. marzipanbrot  |  Dezember 4, 2011 um 13:12

    die Vorstellung, wie du in die Trauung platzt und auf dein Date bestehst find ich sehr amüsant.

  • 2. audrey  |  Dezember 4, 2011 um 13:50

    werte dr. love,

    ich verneige mich in demut vor ihrer genialität. die geschichte ist so bekannt, wie tragisch. die reaktion der angebeteten ist unwirsch und man möchte ihnen zum troste sagen, dass es gut ist vor einem treffen mit diesem tolpatschigen etwas, unfähig zu sozialer kommunikation, abschied genommen zu haben. die konsequenz nach jahren des (nicht-)harrens in diesen vier kleinen worte zu formulieren, war ihr größter coup. nochmals muss ich ihnen meine dankbarkeit für so eine unglaublich erhellende geschichte zutragen.

  • 3. Dr. Love  |  Dezember 4, 2011 um 15:18

    @ marzipanbrot: Ja, das wäre ein interessanter Auftritt gewesen. Wenn sie mal Witwe wird, frag ich sie vielleicht auf der Beerdigung ihres Mannes, ob das nun noch klappt oder nicht.

    @ audrey: Bitte, bitte. und danke 🙂 Es war auch nicht sonderlich schwer, vom Wunsch nach einem Date mit ihr Abstand zu nehmen, denn ihr Verhalten war furchtbar abturnend. In der Hinsicht ist sie mich dann doch effektiv losgeworden. Vielleicht war das ja die ganze Zeit ihr Plan …

  • 4. audrey  |  Dezember 5, 2011 um 6:42

    haha mach das mal mit der beerdigung. und schreib ein post wie sie ja sagt und du nicht auftauchst.

    für so intelligent halt ich diese dame nicht. dann müsste sie schon ein sadist per natura sein. das gibt meine kreativität grad nicht her und meine vorurteile blockieren das ganze auch noch.

  • 5. Dr. Love  |  Dezember 5, 2011 um 12:10

    Der Gedanke, es ihr eines Tages noch heimzuzahlen, gefällt mir. So krank das auch sein mag 😀

    Auf der Beerdigung ihres Mannes ein Date klarzumachen, würd ich ihr bei ihrer sozialen Inkompetenz fast zutrauen … übrigens frage ich mich, ob sie immernoch so mies rüberkommen würde, wenn die Geschichte aus ihrer Sicht geschrieben wäre. Vielleicht mach ich das …

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

Trackback this post  |  Subscribe to the comments via RSS Feed


Archiv

Feeds


%d Bloggern gefällt das: