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guten freunden gibt man ein küsschen

Nun ist es so, dass es Leute gibt, die behaupten, Studentenpartys wären ein Bumsbasar. Also das was die Klubs in jeder Art von Städten sind. Ich habe mir nie viel bei dieser Äußerung gedacht. Jedoch war ich vor kurzem auf einer dieser Veranstaltungen und mir blieb dort nichts anderes übrig, als dies zu tun. Darüber nachdenken, meine ich. Anfänglich war es noch witzig, als die Jungs, mit denen ich an diesem Abend an der Bar arbeitete, sich primäre männliche Geschlechtsteile aus Luftballons bauten und sie sich vor die Lenden schnallten. Auch, dass man als einziges Mädchen beim Aufbau der Bar von allen Jungs, die alle zwei Köpfe größer waren, ständig in den Arm genommen wurde, weil man offensichtlich einen Beschützerinstikt weckte, war vollkommen in Ordnung.

Dann nach endlosen Tischkickertouren und Alleintanzgängen kamen auch irgendwann Gäste. Küsschen hier, Umarmung dort. Der Pegel stieg mit jedem Lied, welches gespielt wurde. Nachdem meine Schicht beendet war, unterhielt ich mich und schwang mich völlig nüchtern auf die Tanzfläche. Ich denke wäre ich nur ein wenig alkoholisiert gewesen, würden mir folgende Bilder von ganz allein aus dem Kopf gehen.

Man tanzte miteinander. In dem Fall tanzte ich mit den beiden Mädels von der FoWi-Party, welche ich dort kennen lernte. Lena und Hannah. Ich verstand mich sehr gut mit beiden. Ich kannte damit mittlerweile deren komplette WG. Ben war einer der Mitbewohner. Der amüsierte sich bereits weitestgehend. Hannah, eine kleine Süße, mit Püppchengesicht, macht auf jeder Party mit einem Kommilitonen von mir herum. Da es immer der gleiche war, fragte ich mich, warum sie eigentlich kein Paar waren. Sie passten wunderbar zusammen. Lena stand auf einen Typen, den ich nicht kannte. Der hatte aber eine Freundin und so gab sie sich mit kleinen Aufmerksamkeiten von ihm zufrieden.

Man hatte Spaß. Man bewegte sich ausgiebig. Und nach einer Drehung – ja ich drehe mich gelegentlich beim tanzen – sah ich dabei zu, wie Lena und Hannah über die Grenzen eines freundschaftlichen Kusses hinaus gingen. Ich blieb abrupt stehen. Neben mir stand die Liebelei Hannah´s. Ich konnte nicht glauben, was da passiert. Ich sagte ihm, dass beide knutschen würden, als würde ich mich dieser Tatsache absichern wollen. Er starrte, genau wie ich und antwortete „Ja. Geil, oder?“ Ich sah ihn an und meine Augenbrauen schoben sich meine Stirn hinauf, als wollten sie aus meinem Gesicht flüchten. Im gleichen Moment fiel mir ein, dass er ein Kerl ist. Was hatte ich erwartet. Ich sage nicht, dass jeder so reagiert. Aber mir braucht keiner zu erzählen, dass er es nicht toll findet, wenn Mädchen das miteinander tun. Vor allem nicht, wenn sie annähernd hübsch sind. Nur einen Meter von einem entfernt. Ich schüttelte meine Unglaubwürdigkeit ab und ging zur Bar. Dort stellte sich ein Junge seitlich hinter mich und legte den Arm um meine Schulter. Ich sah nach oben in sein Gesicht. Er grinste und sagte, ich solle nicht so schüchtern sein.

War ich das? Schüchtern? Vielleicht sogar prüde? Schüchtern ja. Prüde, weiß ich nicht. Aber wenn man solch eine Veranstaltung besucht, muss man dann dabei mitmachen? Es ist ja nicht so, dass man einen Vertrag beim Einlass unterzeichnet, der jedem gestattet, vorspielähnliche Handlungen mit einem zu vollziehen. Und glaubt mir, ich übertreibe nicht. Einer meiner Kommilitonen stand hinter einem Mädchen und tanzte eng mit ihr. Als er uns sah, lächelte er und zog Mangnummäßig die Augenbrauen kurz hoch, als wolle er uns zeigen, dass er die Kleine schon so gut wie Bett hat. Er drehte ihren Kopf und küsste sie. Es sollte wohl leidenschaftlich wirken. Tat es aber nicht. Er griff ihr an den Busen, strich wild über ihren Bauch und vergrub dann besagte Hand in ihrem Schoß. Es wirkte wie ein unglaublich billiger Porno oder eine Parodie darauf.

Das Problem dabei war, dass er, sowie der Hälfte der in-sich-Verschlungenen vergeben waren. All deren Partner und Partnerinnen saßen zu Haus und dachten womöglich an den oder die Liebste. Ich denke, dies nannte man in den 60ern freie Liebe. Wie die WG von Ben. Das waren sehr freie Liebende. Jeder pennte bei jedem im Bett, wie mir mitgeteilt wurde. Dabei war es sicherlich nicht unwahrscheinlich, dass auch mal mehr als ein Traum geteilt wurde. Bevor ich dies erfuhr, tanzte ich noch einmal mit Hannah und Lena. Sie umarmte erst Lena, dann mich. Lena sagte, ich würde immer so gut duften und Hannah strich mit einem ihrem Zeigefinger und einem lasziven Blick von meinem Hals, über mein Dekolletee hinab, über meinen Bauch bis kurz vor den Bund meiner Hose. Ich lächelte verdutzt und drehte mich um. Mit großen Schritten lief ich zur Bar. Ich brauchte jetzt erst einmal etwas zu trinken. Wenn es das war, wofür ich es hielt, bedanke ich mich an dieser Stelle aufrichtig für das Kompliment. Aber es gibt keine sexuelle Revolution mehr zu führen, was bedeutet ich muss das nicht tun, um die Rolle der Frau sexuell zu befreien. Und wenn ich das Bedürfnis habe mit einem Mädchen etwas anzufangen, dann sicher nicht auf solch einer spannungsgeladenen Studentenparty. Da bin ich dann doch lieber prüde.

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November 27, 2011 at 4:07 3 Kommentare

damn not sure

Ich dachte eigentlich, dass der letzte Artikel über Ben, der letzte für das Zeugnis seiner Existenz sei. Aber da irrte ich mich streng. Ich bin so unglaublich beeindruckt von diesem Menschen, dass ich ihm diesen Artikel widme. Er soll es mir nachsehen, insofern er jemals davon erfährt.

Nachdem ich merkte, dass Alkohol ein hemmungslösendes Mittel für ihn ist, war es für mich nicht mehr allzu schlimm, tagsüber keine Gespräche mit ihm zu führen.Der Grund dafür war ein schlichter. Er war einfach nicht interessant genug. Ja wir teilten Eigenschaften. Jedoch besaß er zu wenige eigene, die ein Interesse an seiner Person gerechtfertigt hätten. An dieser Stelle, möchte ich äußern, dass nicht zu reden jemanden nicht zwangsläufig interessanter macht. Punkt.

Vergangene Woche hatten wir Abends eine Veranstaltung, die sich Nachtwanderung schimpfte und solch eine auch war. Ohne besonderen Schnickschnack wie Erschrecken und derlei Sachen, die man aus seiner Kindheit kennt. Man muss dazu sagen, dass diese Idee einem Kommilitonen entsprang, um die Matrikel einander näher zu bringen. Ich bin kein Spaziergänger, aber des Nachts durch einen Wald zu stampfen hat schon etwas für sich. Vor allem bei meinem Unvermögen selbst bei Tageslicht nicht peinlich zu stürzen. Wir tranken Glühwein, damit die Wanderung an Spaß gewann. Ich unterhielt mich mit ein paar Leuten und Ben setzte sich mit Freunden hinter mich an den Tisch. Ich bemerkte ihn und grüßte. Drei Minuten später lief ich davon und unterhielt mich mit den zwei Mädchen, welche ich auf der letzten Veranstaltung kennen gelernt hatte. Als der Aufbruch nahte, kam Ben und wir tauschten dünne Wortsuppe. Wir liefen los und ich bemerkte, dass ich auf einmal allein mit Ben lief. So war das nicht geplant. Aber ich nahm es hin.

Er erzählte und ich hörte zu. Immer wieder mal kamen Freunde von ihm vorbei und witzelten über interne Situationen, die ich nicht kannte und die mir egal waren. Mir blieb nichts anderes übrig als zu zuhören, da immer weniger Leute um uns herum her liefen. Vor allem keiner mehr, den ich noch kannte. Die Gruppe zog sich mittlerweile über ein weite Strecke. Ben hatte schon mehr im Turm als ich anfänglich bemerkte und drängte mich immer weiter an den Rand des Weges. Ich fühlte mich wie der positive Teil eines Magneten und mir viel spontan eine Vorbereitung für eines meiner Hochschulpraktika ein. Ich ärgerte mich ein wenig über seine Unkoordiniert. Er leuchtete mir immer wieder mit seiner Taschenlampe ins Gesicht, vorauf ich entnervt, aber lachend reagierte, was ihn übrigens sehr amüsierte.

Nach einer Ewigkeit kamen wir wieder an dem Punkt an, von welchem aus wir los liefen. Ich lieh meine Brille an einen Jungen, den ich gerade kennen lernte und der mir minütig sympathischer wurde, da er mich stark an einen guten Freund erinnerte. Ich sah nicht sehr viel und Ben sagte mir, dass ich ohne Brille echt krass aussähe. Danke für die Blumen, du Wurst. Er sagt ohnehin viele Sachen, die nicht sehr eindeutig sind. Und er erwähnt sie jedes Mal, wenn wir uns sehen. So weiß ich jetzt, dass er es echt krass findet, dass ich draußen in der Kälte sitze und Artikel schreibe, während alle anderen in der warmen Mensa sitzen. Hallo. Da kann man nicht rauchen. Entschuldige, aber man muss schon mal Prioritäten setzen.

Wir liefen weiter zu einer Kneipe, die wir besetzen wollten, da alle die Besitzer so toll fanden. Ben bat seinen Kommilitonen, der noch meine Brille hatte, sie mir wieder zu geben. Ich sagte, dass dies schon so in Ordnung sei und seine silberne Rüstung, in die er sich kurz zuvor zwang, lief an, wie beschädigtes Material nun einmal anläuft, wenn es nicht gepflegt wird. Nicht gerettet werden zu müssen, ist für manche Jungs sehr hart. Er blieb zurück – nein, nicht aus diesem Grund. Ich lief blind mit den anderen weiter. Wir saßen in der Bar und Ben kam zur Tür, zwängte sich neben mich. Er fragte, ob ich heute wieder bei ihm schlafen wollte. Ich sagte, dass ich zurück nach Berlin fahre, aber mich schon für das Küchensofa in seiner WG bei seinen Mitbewohnerinnen angemeldet hatte für die nächste Party. Er bemerkte, dass Gitarre gespielt wurde und sagte dass wir auch zu ihm gehen könnten und er dort Gitarre spielen würde. Ich lächelte und war mir dabei nicht sicher, ob es spottend aussah. Glücklicherweise sah ich ihm nicht ins Gesicht. Er fragte, als er keine Antwort erhielt, ob wir eine Partie Billard miteinander spielen würden. Ich nickte und schon war er wieder weg, was mich kaum tangierte.

Später war ich schon mitten im Billardspiel, als er dazu stieß. In einer Pause setzte ich mich zu ihm und den Mädels und er erzählte mir, wie er sich für den nächsten Abend zur Bad-Taste-Party der BWLer – oh man, nicht schon wieder eine Mottoparty – verkleiden wolle. Er sagte sein Anhängsel solle zu ihm kommen und ihm helfen. Es wurde erwähnt, dass diese doch gar nicht da sei. Einen Moment lang realisierte er, dass er mit ihr in seinem Bett also nicht zu rechnen hatte und fragte mich, ob ich da sein würde. Ich lächelte süffisant und sagte „Nä, BWLer-Partys sind nicht so meins“. Es knackte. Ich fragte mich, ob es sein Stolz war, welcher brach oder das Geräusch von meinem verbalen Tritt in seine Weichteile her rührte. Er sah mich an und erzählte mir davon, wie er eben noch im Nebenraum saß und die beste Szene eines deutschen Liebesfilmes gesehen hatte. Ich fragte, welche und als er begann sie wieder zu geben, bereute ich die Frage schon. Als er fertig war, schaffte ich es gerade noch so mit einem gezwungenen Lächeln zu nicken und spielte dann weiter. Anna erklärte mir später, dass Jungs so was irgendwie immer sagen – habe sie das Gefühl -, um Mädchen ins Bett zu bekommen. Danke für diese Information.

Als es Zeit war zu gehen, verabschiedete ich mich von allen mit einer Umarmung. Einer der Jungs, mit denen ich schon länger zu tun hatte, hielt mich zu lang für diese freundschaftliche Geste im Arm und ich winkelte meine Bein an – wie beim filmisch perfekten Kuss -, um alles etwas theatralisch wirken zu lassen. Als ich durch war, beugte ich mich nicht zu Ben, sondern verabschiedete mich mit dem Gruß, welchen er für uns ersann. Im gleichen Moment sah er zu Boden. Es war ihm kaum möglich mich anzusehen. Er schien enttäuscht. Aber ich kann mich auch irren. Er tat mir irgendwie leid. So ein süßer, begabter Junge. Aber er war zu jung, um in Unsinnigkeiten mit ihm zu verfallen. Außerdem bin ich so ungern eine Kerbe im Bettpfosten eines Heranwachsenden, der sich selbst noch so einiges beweisen muss.

 

November 18, 2011 at 23:36 2 Kommentare

Es gibt so Erkenntnisse, die einen über Nacht heimsuchen. Meistens ist man wach. Weil man vielleicht schlecht schläft. Oder auf einer Studentenparty ist. Sicherlich ist Leon noch ein Begriff. Nach zwei beidseitigen Versuchen, sich auf einer Party zu sehen, schrieb ich ihm – ohne Hoffnung auf Antwort – eine Mail, in der ich ihm mitteilte, dass eine Nacht später eine Veranstaltung sei. Er schrieb knapp danach zurück, dass wenn „wir“ da seien, er auch komme. Ich freute mich. Da ich erwartungslos in die Situation ging. Das Problem mit Erwartungen ist, dass sie sich irgendwann doch in dir breitmachen und du merkst es nicht einmal.

Eine Kommilitonin bot mir einen Schlafplatz in ihrer WG an, da sie in den Urlaub fuhr. Ich nahm dankend an, da ich dann nicht bis um fünf vor Ort auf den Zug warten musste. Wie sich später heraus stellte, eine unglaublich glückliche Fügung. So machte ich mich dort fertig und lernte ungewollt ihre Mitbewohnerin kennen. Sie kam mir bekannt vor. Und dann schlug es ein, wie eine Bombe. Sie war eines der Mädchen, dass Leon wegen mir hatte stehen lassen. Ich war mir nicht sicher, aber sie wirkte ein wenig verknallt – in ihn, nicht in mich. Sie negierte meine Existenz in dieser Nacht, aber gab mir die geballte Aufmerksamkeit in dem Moment, als ich sie ansah. Und ja sie erwähnte Leon. Es war ein wenig gruselig. Irgendwann machte ich mich auf den Weg, da ich nicht länger auf Darius warten wollte – ein Kommilitone meines Matrikels.

Ich erwartete eine große Party mit vielen hübschen Menschen. Was ich bekam war eine mittelschwere Krise, als ich die Zustände im Etablissement sah. Eine von zwei Bars war geöffnet und auf die billigen Plastikbecher nahmen die Veranstalter – Forstwirtschaftsstudenten – tatsächlich einen Euro Pfand. Ich war schockiert und da noch niemand dort war den ich kannte, verkrümelte ich mich zum Feuer, dass im Freien vor sich hin zündelte. Es gesellten sich etwas später Kommilitonen zu mir und ich unterhielt mich gut. Ich war froh, dass sie da waren. Eine Gruppe Leute kam an und ich konnte durch die Nachtschwärze nicht so richtig erkennen, ob eine soziale Verbindung irgendeiner Art zu ihnen bestand. Ein Junge starrte mich die ganze Zeit an. Er kam näher und ich erkannte Ben. In einem unglaublich bescheuertem Aufzug. Ich sollte erwähnen, dass es eine Motto-Party war. Wie ich so etwas verabscheue.

Er stellte sich zögernd zu uns und wir unterhielten uns ein wenig. Er lächelte die ganze Zeit über und sah mich an. Was ungewöhnlich ist, denn nach unserem gemeinsamen Aufenthalt in seinem Bett wie Bruder und Schwester, meldete er sich nicht und verhielt sich sehr unterkühlt, wenn wir uns auf dem Campus sahen. Ich ließ ihn. Es war mir egal. Ich hatte kein Interesse an emotionalen Auseinandersetzungen jedweder Art. Außerdem hatte er ja seine Freundin erwähnt. Ich hatte wieder das Gefühl, dass seine Zunge mit etwas Alkohol im Blut lockerer saß. Ich lernte seine beiden Mitbewohnerinnen kennen. Sehr süße Mädchen. Wir verbrachten den Abend gemeinsam, als kannten wir uns schon Jahre. Auf so etwas steh ich total.

Ben und ich verabredeten dann doch noch einen Handschlag – ein Überbleibsel aus einem der vergangenen Gespräche – und ich wunderte mich, dass er das alles noch wusste. Wenn einem jemand egal ist, vergisst man so etwas normalerweise. Ich jedenfalls. Er erinnerte sich an erstaunlich viele Details. Als wir zusammen am Feuer saßen, weil er mich bat mit ihm eine rauchen zu gehen, sagte er zu mir, dass er es schon sehe, dass wir wieder bei ihm im Bett landen und uns die ganze Nacht unterhalten und lachen würden. Ich sagte ihm, dass ich woanders einen Schlafplatz hätte, es aber auch kein Problem ergebe, bei ihm zu pennen. Wenn er kein Problem damit hätte, dass ich früh raus musste. Er sah mich an – ich wusste wirklich nicht, ob es abschätzig oder enttäuscht war – und sagte dann sehr barsch „Na, dann geh doch“. Ich musste unweigerlich an die Strandhausszene von „An eternal sunshine of a spotless mind“ denken, als Clemetine genau dies zu Joel sagte.

Leon war übrigens immer noch nicht anwesend und da die Busse nicht mehr fuhren, rechnete ich nicht mehr damit, dass er noch auftauchte. Langsam wird das zu unserem running gag. Zusagen und nicht auftauchen. Beidseitig. Obwohl das letzte Mal nicht meine Schuld war, da er mir nicht zurück schrieb, wo die Veranstaltung sein sollte, über die er mich informierte. Ich muss gestehen, dass ich Leon gern da gehabt hätte. Ben verhielt sich mir gegenüber so distanziert bis zu diesem Abend, dass ich davon ausgehen musste, dass er dachte, ich wäre in ihn verknallt oder ähnliches. Das wollte ich unterbinden. Deshalb hätte ich mit Leon beweisen können, dass ich an ihm kein Interesse hege und unsere Beziehung hätte sich in geordneten Bahnen zu einer Freundschaft entwickeln können. Aber die ganze Angelegenheit erledigte sich dann doch zu meinen Gunsten und ohne mein Zutun von ganz allein.

Ich stand etwas entfernt von Ben und wackelte ein bisschen mit den Huften. Dann ging ein Mädchen auf ihn zu und fing an sich an ihn zu kuscheln. Ich beobachtet die Szene, da ich wissen wollte wie er reagierte. Er reagierte positiv. Auf einmal knutschen beide wild. Ich war schockiert. Er war ein Arschloch. Im gleichen Moment fiel jegliche Anspannung von mir ab. Die Sorgen, welche ich mir bezüglich unserer Beziehung machte waren verflogen. Ich fühlte mich erleichtert. Denn in dem Moment dieser Erkenntnis verlor ich jegliche Achtung vor seiner Person als männliches Wesen. Im gleichen Moment dachte ich an seine Freundin. Sie tat mir leid und ich war glücklich, dass nicht ich es war, die ihr Herz brach. Gleichzeitig wurde mir bewusst, dass ich seine Zeichen unmöglich fehl gedeutet hatte, was mich betraf. Offensichtlich wuchs meine Wahrnehmung.

Kurze Zeit später war die Luft raus und wir beschlossen uns auf den Weg nach Haus zu machen. Ben nahm sein Anhängsel mit. Ich war – keine Ahnung. Gibt es eine Steigerung von Schock? Wenn ja, dann war ich dies. Das Mädchen kannte ich nicht persönlich, welches er für diesen Abend auserkoren hatte, aber ihr Name war mir durchaus ein Begriff. Es rankten sich viele Mythen um sie. Bezüglich Studenten und wie sie diese mit zu sich nahm. Ich hatte kein Problem damit. Jeder soll machen, was er am besten kann. Ich fragte mich dennoch, ob er ihren Ruf kannte, der nicht sehr rosig war. Obwohl sich an dieser Stelle die Frage aufwirft, warum Männer das dürfen und Frauen nicht. Aber das ist ein anderes Thema. Ich verabschiedete mich nur von seiner Mitbewohnerin, nicht aber von ihm. Als er hatte, was er offensichtlich für diesen Abend brauchte, war er wieder etwas distanzierter mir gegenüber. Er lächelte immer noch absolut umwerfend, aber sein Glanz spülte sich mit dem schalen Geschmack des Verrates hinunter. Zufrieden über meine funktionierende Hemmschwelle meine Moral betreffend, ging ich in mein Gastzimmer und schlief selig ein.

November 5, 2011 at 10:48 6 Kommentare

die warte-falle

Eine Freundin meinte mal zu mir, dass wir Mädchen sehr schnell auf männliches Interesse reagieren. Sofern uns derjenige reizt. Ich spreche hier nicht für alle, aber wahrscheinlich findet sich das ein oder andere Mädchen hier wieder. Was schon irgendwie traurig und dennoch tröstend ist.

Die Reaktion, welche sie meinte, war darauf bezogen, dass man beispielsweise auf Anrufe wartet, obwohl man weiß, dass man so etwas unterlassen sollte. Aber man macht es trotzdem. Auch wenn wir es uns schön reden. Wir warten. Und nicht nur auf Anrufe. Wir warten auf Mails, die Anwesenheit auf Kommunikationsplattformen oder kleine Nachrichten, die uns den Tag versüßen könnten, wenn sie doch nur den Weg zu uns fänden.

Wie kommt das? Man lernt sich kennen. Bleibt unverbindlich, weil man sich und andere nicht verletzen will. So geschieht es, dass man im günstigsten Fall die Nummern tauscht. Im ungünstigsten Fall traut man sich nicht danach zu fragen und muss auf die gute alte Spionage zurückgreifen, insofern man das Gefühl hat, dass sich den Kontakt zu halten lohnen könnte. So bei mir geschehen.

Eine Woche nach unserem zweiten Kontakt ließ ich Leon – dem Mediziner – eine Mail zukommen, in der ich ihn – unverbindlich – darüber informierte, dass unser Studiengang ein Semesterangrillen veranstaltete und dass er gern dorthin kommen könnte. Eine Antwort, sowie Rückmeldung blieb aus. Ich bat einen guten Freund um Rat, da ich in diesen Dingen maßlos unerfahren bin. Er riet mir ihn abzuschreiben. Gesagt, getan. Das Abschreiben funktionierte ganz gut. Bis eine einsame Nachricht auf meinem Uni-Account landete. Von Leon. Ich sah darüber hinweg, dass er den Betreff nicht ändert, sondern einfach nur antwortete. Aber das ist ein anderes Thema.

Er schrieb, dass er die vergangene Woche krank war. Nichts ernstes, aber eben nervig. Ja gut. Sich nicht zurück zu melden, weil man eine harmlose Erkältung hatte, lasse ich eigentlich nicht gelten. Aber ich dachte, er wird schon seine Gründe haben. Übrigens immer ein guter Gedanke, um nicht alles so ernst zu nehmen. Er teilte mir mit, dass am Freitag ein Party stattfinden würde und dass er dort kurz vorbeischauen würde, dass wir ja auch kommen könnten und man sich dann sieht. Wer ist wir? Ich wusste nicht, dass ich multipel bin. Damit meinte er sicher Anja, die mich bei dem vergangenen Event begleitet hatte. Also ich bin ja schon schwammig, was Captain Subtext betrifft, aber das übertrifft alles. Entweder er denkt sich so wirklich gar nichts dabei oder er achtet penibel darauf, was er äußert.

Ich schrieb ihm zurück, dass „wir“ noch nichts vorhätten und die Möglichkeit der Anwesenheit bestünde, wenn „“wir“ wüssten, wo das ganze stattfinden soll. Und das war vor zwei Tagen. Seitdem sitze ich entnervt in diesem selbst gebauten Gefängnis, dass sich die Warte-Falle schimpft. Ich weiß, ich sollte nicht warten. Aber Gefühle sind dem Verstand macht-mäßig durchaus überlegen. Egal wie sehr man abwägt und logisch plant. Egal wie sehr man sich anstrengt, Spock zu sein.

So sitzt man also und denkt immer wieder daran, den Account nach dem dreißigsten Mal nicht wieder abzurufen. Man regt sich darüber bei sich selbst und bei Eingeweihten auf. Und hofft dabei, dass es endlich Abend wird und man die eine oder andere Antwort hat. Eben eine Nachricht oder keine.

Es ist ärgerlich, sich so zu sehen. Man denkt unweigerlich an ein Kleinkind, welches sein Spielzeugroboter will, der sich partout nicht vom Fleck auf einen zu bewegt. Und man nimmt es hin. Zu warten. Aktives Warten. Aber länger als bis sieben warte ich nicht – denk ich mir und öffne zum einunddreißigsten Mal an diesem Morgen meine Mailbox. 

Oktober 21, 2011 at 10:35 2 Kommentare

the expected unexpected

 

Wir hatten gerade alles fertig, da kamen auch schon die ersten Gäste. Es war Semesterangrillen. Von unserem Fachschaftsrat organisiert. Wir trollten uns durch die Gegend und fingen an mit einem Fußball herum zu eiern. Dann etwas später, als meine Schuhe durch das Spiel anfingen aus dem Leim zu gehen, gesellte ich mich zu einer Gruppe Redenden. Im Augenwinkel Ben, mit dem ich schon auf der Erstiesparty Kontakt hatte. Ich ignorierte ihn. Ich hörte, dass man das so macht, wenn man interessant wirken will. Keine Ahnung, wer sich das ausgedacht hat.

Irgendwann saß ich mit meinem Freigetränk auf einer Bank nahe eines Feuers und unterhielt mich mit einer wissenschaftlichen Mitarbeiterin, die sehr sympathisch war. Ich sah zu Ben, der mir gegenüber in fünf Meter Luftlinie saß und mich anstarrte. Als er aus dem Träumen aufwachte, schaute er zügig weg. Ich wollte ihm zu prosten, um zu signalisieren, dass ich ihn bemerkte. Er ignorierte mich. Ich fand das sehr passend. Nach ewigen Unterhaltungen und drei Freigetränken später, entschloss ich mich, dass Risiko einzugehen und auch neben ihm sitzend meines Seins ignoriert zu werden.

Als ich mich setzte, war von Ignoranz nichts zu spüren. Wir begannen ein Gespräch, welches sich den kompletten Abend hinzog. Und da Feuer eine sehr romantische Stimmung erzeugen kann, genoss ich den Anblick seiner Augen und seines makellos scheinenden Gesichts. Unsere Blicke verhedderten sich und irgendwann blickte man während des Gespräches auch mal zu Boden, um nicht den Faden zu verlieren. Der Abend neigte sich dem Ende und es herrschte Aufbruchstimmung.

Ich fragte, ob ich den Weg mitgehen könne und Ben bot mir an, noch mit in seine WG auf einen Absacker zu kommen. Ich stimmte zu und wir begannen den Abstieg des Berges, den wir jeden Morgen zur Uni hinauf mussten. Und wie nicht anders zu erwarten, stürzte ich. Souverän, als wäre dies geplant, rappelte ich mich auf und war froh, dass die Nacht die Röte meines Gesichtes verbarg.

Angekommen in der WG, tranken wir tatsächlich noch etwas und der Mitbewohner, welcher uns begleitet hatte, verabschiedete sich zur Nachtruhe. Beide boten mir an auf dem Sofa in der Küche zu pennen, wenn ich mit dem letzten Zug nicht zurück wollte. Ich nahm an.

Ben war musikalisch. Ich mag musikalische Menschen. Ich bat ihn mir auf seiner Gitarre vorzuspielen. Er ließ sich nicht bitten und ich war paralysiert davon, wie seine Finger die Saiten bearbeiteten. Es sah aus, als tanzten seine Hände mit einer schönen Frau, die er liebevoll hielt. Die Szene endete damit, dass wir uns Musikvideos anschauten.Wir lachten ausgiebig. Ich fühlte mich wohl.

Als wir noch eine rauchen waren, bot mir Ben an, bei ihm im Bett zu pennen. Ich war mir nicht sicher, ob etwas dahinter steckte, deshalb haderte ich im ersten Moment. Dann warf ich alle Bedenken über Bord und bedankte mich für das Angebot. Er gab mir eine Schlafhose und ich machte mich bettfertig. Als wir dann da so lagen, fingen wir erneut an uns zu unterhalten. Er redete viel.Weiterhin stellte er fest, dass wir viele Gemeinsamkeiten hatten und begrüßte, dass ich soviel lachte. Wir lagen mit gebührendem Abstand nebeneinander und drehten uns von einer Seite zu der anderen. Es fühlte sich ein wenig so an, als würde ich neben einer Freundin schlafen. Ich entspannte mich. Dann erwähnte er nebenbei, dass er eine Freundin hat. Ich stockte. Ich dachte darüber nach, was ich machen würde, wenn ich wüsste, dass fremde Mädchen neben meinem Freund schlafen würden. Es würde mir nicht sonderlich gefallen. Egal wie vertrauenswürdig beide Personen sind. Dennoch fühlte es sich nicht so an, als würde ich neben jemanden liegen, der mich gleich küssen wollte. Semischlafend erzählte er mir von allem möglichen. Von seiner Exfreundin, von seiner ehemals besten Freundin. Und ich dachte vielleicht ist er ja auf der Suche nach einer neuen besten Freundin. Damit hatte ich keine Probleme, da sämtliche körperliche Anziehungskraft durch die Müdigkeit und seine basslastige Stimme, die mich vom schlafen abhielt, im Nirgendwo seines großen Zimmers verhallten.

Um vier schaute er – meines Erachtens ein schwerwiegender Fehler – das letzte Mal auf die Uhr und dann fingen wir an einzuschlafen. Die Nacht war hart. Ich schlafe nicht sonderlich gut, wenn jemand neben mir liegt. Zwischendurch wachte ich immer wieder mal auf. Einmal lag er dicht neben mir. Wir berührten uns nicht, aber ich spürte die Wärme seines schlummernden Körpers. Ich erinnerte mich daran, wie es war neben jemandem aufzuwachen . Die Erinnerung und der Moment in dem ich lag, zauberten mir ein Lächeln auf die Lippen. Das Wissen um tiefe Verbundenheit ereilte mich und setzte sich zu mir ans Bett. Es streichelte mir über das Haar und flüsterte mir zu, ich solle mir keine Sorgen machen. Egal um was.

Ich erwachte und wollte nicht mehr liegen bleiben, also beschloss ich mich aus dem Bett zu stehlen. Ben lag dicht am Rand seiner Bettseite. So lag er, mit dieser einen Ausnahme, die ganze Nacht dort. Ein Gentleman, dachte ich bei mir und nahm meine Sachen. Nachdem er dann auch endlich wach wurde, saßen wir am Tisch und frühstückten. Nebenbei bemerkte er, wie witzig der Abend war. Ich kannte diese Floskel. Man benutze sie, um Situationen zu entschärfen. Er aß etwas und ich trank Kaffee.Wir tauten nur langsam auf. Ich hatte das Gefühl, dass seine Zunge mit ein, zwei Bier lockerer saß. Wir schauten uns nur selten an. Ich wartete noch, bis er sich fertig machte und verließen gemeinsam das Haus. Alles andere hätte ich sehr unhöflich gefunden. Wir verabschiedeten uns mit einem Handschlag, was mehr als kurios war. Aber ich ließ ihn und er ließ mich.

Den Weg nach Haus besang mich Born Gold mit Alabaster Bodyworlds und ich lächelte vor mich hin, erstaunt über meine neue Risikobereitschaft und deren nicht absehbaren Konsequenzen.

Oktober 13, 2011 at 19:00 8 Kommentare

was männer wollen

Das Problem ist, wenn man jemanden kennen gelernt hat, nicht zu warten. Ich denke in unserem uni-sexuellem Dateverhalten kennt das mittlerweile jeder. Noch schlimmer wird es, wenn man nicht so recht weiß, wie das jetzt laufen soll. Denn da war was. Man wurde irgendwie abgecheckt und derjenige wich einem mit Blicken aus, sowie man selbst. Obwohl man sich vorher versicherte, man suche erst einmal nichts festes. Man schreibt sich unverbindlich. Und dann nach der zweiten Mail wartet man. Auf eine Antwort.Und dann sagt man sich, dass da nichts ist. Das man nicht warten sollte. Und man geht aus, um seine Gedanken abzulenken. Leider zieht man mit Erwartungen los. Und das ist auch ein Problem.

Die Idee eine Veranstaltung zu besuchen, bei der es Konzerte und Lesungen gab, war spontan und ziemlich interessant. Sehr früh am Abend angekommen, nahmen wir knapp vor der Bühne ein Position zum tanzen ein, um dem Bruder eines Kumpels bei seiner drei Tage alten Band anzufeuern. Und an dieser Stelle sei mal gesagt, dass sie klangen, als spielten sie schon sehr lang zusammen. Es war ziemlich gut. Man tanzte und ließ den Blick schweifen.

Irgendwann dann etwas später, bemalte man sich das Gesicht und die Arme gleich dazu. Die Möglichkeit bestand in Form von Gesichtsmalfarbe, da die Veranstaltung zu eigenständiger Kreativität anregte. Ich bemerkte den Atem eines jungen Mannes hinter mir, der mir schon etwas eher am Abend aufgefallen war. Mein Nacken genoss die kühlende Zuwendung, da es doch sehr warm wurde, auch wenn man sich nur knapp bewegte. Er tanzte verdächtig dicht hinter mir und ich war nicht abgeneigt, ihm meine Aufmerksamkeit zu schenken. So drehte ich mich langsam wie der Sekundenzeiger einer Uhr, um ein miteinander-tanzen zu ermöglichen. Der Erfolg blieb aus. Unsere Wege trennten sich ohne Unterhaltung. Es ist durchaus möglich, dass es daran lag, dass ich ihn nie direkt anschaute, sondern auf ein Gespräch wartete. Was ich auf mein Fehlerkonto gutschreibe.

Müde geworden vom Wunsch mir Aufmerksamkeit verschaffen zu wollen, fiel mir ein Typ ins Auge, welcher mich derart stark an meinen ehemaligen Freund erinnerte, dass ich mich fragen musste, ob das jetzt wirklich nötig sei. Aber die Schlacht hatte bereits begonnen. Zwei Blicke später tanzte er nur drei handbreit neben meiner Bekannten und mir. Sie unterhielt sich mit mir und er sich mit seiner männlichen Begleitung. Diese ermöglichte mir sporadisch in seiner Richtung zu schauen. Zweimal trafen sich unsere Blicke und ein gestikulärer Automatismus zauberte mir ein Lächeln ins Gesicht. Normalerweise habe ich die Angewohnheit gleich darauf wieder weg zu sehen. Wahrscheinlich aus Angst vor der Reaktion. Aber diesmal blieb mein Blick standhaft. Es lohnte sich, denn er lächelte zurück.

Währenddessen begann meine Bekannte kleine Plastikbälle, welche herum lagen, in der Gegend herum zu schießen. Ich stieg ein und da der hübsche Junge, der mittlerweile direkt neben mir tanzte, tat er es uns gleich. Eine fußballerische Glanzleistung meinerseits, veranlasste ihn, mir dazu zu gratulieren. Gefühlte drei Stunden später, gingen er und seine Begleitung an die Bar. Meine Bekannte folgte Ihnen, ohne Hintergedanken. Er unterhielt sich an der Bar mit ihr und ich nahm meine Ambitionen, ihn kennen lernen zu wollen, tröstend in die Arme und schob sie in die Schachtel der Schande, welche in meiner Tasche auf Nahrung wartete.

Ernüchtert und zu nüchtern, auf eine Eingebung wartend, stand ich auf der Tanzfläche und begann mich mit der Situation abzufinden. Ich ging dann an die Bar und fragte meine Bekannte, warum sie sich nicht länger mit dem hübschen Jungen unterhielt. Sie sagte, dass sie nicht auf Franzosen stehe. Linker Haken in die Magengegend. Franzose. Meine Ambitionen trommelten wild mit den Fäusten gegen die Wände der Schachtel, in der sie gefangen war. Ich ignorierte sie, nachdem mein Stolz mich zur Seite nahm und mir erklärte, dass es nicht gut für das Seelenheil ist, sich zu entscheiden, zweite Wahl sein zu wollen. Ich befand, dass er Recht hat.

Wir gingen zurück zur Tanzfläche, wo auch der Franzose, freudig über unsere – bzw. ihre – Rückkehr wartete. Sie entschuldigte ich, aufgrund einer schwächelnden Blase und ich stand nur verlassen und etwas beschämt neben ihm. Sein Freund schoss mir einen Ball zu, welchen ich bravurös touchierte. Beide applaudierten, ich riss die Arme in die Höhe. Die Musik begann sich zu ändern. In ein langsames Dubstepdrama. Auf einmal zögerten beide, als sie sich entschlossen, die Szene zu verlassen. Sie wirkten wie zwei rohe Eier ohne Halt auf einem Schiff mit hohem Seegang. Der Franzose steuerte auf mich zu und erkundigte sich, ob ich Dub mochte und teilte mir gleichzeitig mit, dass ihm das zu langsam sei und er lieber auf den anderen Floor wollte. Er schaute mich irgendwie erwartend an. Ich sagte ihm, dass es dort wohl besser sei und deutete an mit zu gehen. Sein Kollege lächelte, was mir quasi die Wahrheit ins Gesicht prügelte. Dieser war es vermutlich, der die Annäherungsversuche verursachte. Leider war er nicht annähernd so attraktiv. Ich ging trotzdem mit. Ich wollte keine Spielverderberin sein.

Angekommen unterhielten wir uns noch eine Weile und ich erfuhr, dass sein Kumpane, kein Wort deutsch spricht und er nur zu Besuch sei. Er hingegen arbeite seit Januar hier. Er sprach gut deutsch – mit einem wirklich unglaublich süßen Akzent – und ich bemerkte dies und bedeutet ihm meine Bewunderung. Die Unterhaltung floss uns unter den Füßen hinfort, wie ein kaputtes Herbstblatt in einem dreckigen Rinnsal die Straße hinunter.

Zwischenzeitlich sah ich den Jungen, welcher mir zuvor den Nacken mit seinem Atem bestäubte. Er stand an der Bar und spielte leidenschaftlich Zunge-versenken mit einem stark angetrunkenem Mädchen. Ist das was Männer wollen? Wenn sie unterwegs sind, meine ich. Ich schätze schon. Aber nüchtern kann man nur schwer auf solche Sachen eingehen. Um ehrlich zu sein, kommt es mir immer zugute, nicht zu trinken. Es hat viele Vorteile. Du hast keinen Kater, du siehst auch nach acht Stunden tanzen relativ frisch aus und du machst nichts, was dir am nächsten Tag eventuell peinlich sein könnte. Und wenn doch, hast du das in vollem Bewusstsein getan und trägst die Konsequenzen mit Würde. Doch wenn es darum geht, sich gehen zu lassen, nicht darüber nachzudenken und das alles zu genießen, ist nicht zu trinken absolut unförderlich.

Ich ging heim und öffnete die Schachtel der Schande einen Spalt weit. Ich sagte meiner Ambition, dass sie etwas ausharren soll, bis ich eine Lösung für das Problem gefunden hätte. Sie sah mich an, nickte verständnisvoll und legte sich dann schlafen. Denn sie war mittlerweile so müde wie ich.

Oktober 8, 2011 at 16:25 5 Kommentare

leon – der mediziner

Es begab sich vor einer Woche, dass ich Leon kennen lernte. Wir warteten separat vor dem Studentenwohnheim unserer Uni, um unsere Schützlinge unter zu bringen, die neu dort sind. Auf einmal stand er neben Anna und mir und wir unterhielten uns. Auf meinen Wunsch an Anna hin, boten wir ihm an, ihn im Auto mit zum Campus zu nehmen. Er kam mit und es stellte sich heraus, dass er dort gar nicht hin musste. Nach erledigter Arbeit, verabschiedeten wir uns freundlich und machten eine lockere Verabredung für die Erstsemesterparty aus. Wir erfuhren seinen Namen nicht, also tauften wir ihn Leon – was sich später als äußerst guter Gesprächseinstieg erwies.

Besagte Woche später, machten Anna und ich mich auf zum allgemeinen Besäufnis der Studenten. Auf dem weg zum Bus, ging mir durch den Kopf, dass ich Leon wiedersehen könnte. Die Nachtschwärze begann zu wachsen und meine Freude über den Aspekt des Wiedersehens mit. Und dann stand er da. Vollgepackt und erkannte uns sofort wieder. Er sagte zu, vor neun an der Bar zu sein, da wir im Dienst der sozialen Einbindung dort unseren Pflicht antraten. Und wie sollte es anders sein, tauchte er natürlich nicht auf. Aber das störte wenig, da ich nach der vorlesungsfreien Zeit viele bekannte Seelen auf Aktualität überprüfte. Ich ging zum Eingang der Lokalität – wir hielten uns nach getaner Arbeit meist im Freien auf – und schaute zu Boden als mich auf einmal jemand an der Schulter berührte. Leon. Du hier. Wir unterhielten uns schmal und er lud mich in die Wärme ein. Dann redete er erst mit einem Mädchen, dann noch mit einem anderen und als mir schlussendlich die Unverbindlichkeit seiner Einladung bewusst wurde, steuerte ich lieber erneut bekannte Gesichter an.

Im Laufe des Abends steuerte er immer wieder zielstrebig auf mich zu, sobald er die Merkmale meines Gesichts einordnen konnte. Ich legte die Angewohnheit ab, ständig auf den Boden zu schauen, sobald wir uns unterhielten. Anna erzählte ihm, dass wir ihn Leon tauften und er war nicht abgeneigt diesen Namen anzunehmen. Für diesen einen Abend. Zum neuen Namen legte er sich auch gleich eine neue Identität zu. Die Wahl fiel zugunsten der Medizin. Er erklärte mir, er sei sprunghaft, was er an diesem Abend mehrmals unter Beweis stellte. Er kam, plauschte, ging. Aber nie ohne sich abzusichern, dass wir noch blieben. Nein das bedeutete nichts, da er dies bei jedem machte, wie mir später auffiel.

Anna verschwand irgendwann im Kreis unserer Kommilitonen und ich war mit Leon allein. Was nicht wirklich zutraf, da er immer wieder verschwand. Zu meinem Erstaunen störte es mich nur geringfügig. Ich war so frei ihm etwas von der Bar mitzubringen, da er Anna zuvor mit einer Gerstenkaltschale beköstigte. Als ich das Bier durch die Reihen chauffierte, blieb ich neben ihm stehen, hatte aber keine Lust seine Aufmerksamkeit zu erwecken, da ich die musikalische Atmosphäre in dem Moment sehr fesselnd fand. Im gleichen Atemzug des Innehalten prostete mir ein junger Mann seitwärts zu und lächelte bestimmt. Ich gab das Bier ab und lächelte zurück. Leon sprang wieder auf seinen Zug der Unruhe – nicht ohne Bescheid zu geben – und der junge Mann, fragte mich was ich studiere. Auf derart Feierlichkeiten immer eine gute Einleitung. Wir verstanden uns auf Anhieb und er war schockiert von dem Aspekt, mich auf dem Campus noch nie gesehen zu haben. Es mischte sich ein stark alkoholisierter Typ ein, dessen Fragen ich nicht einmal annähernd wiedergeben kann, da er sie unverständlich formulierte. Unverständlich im Sinne von „war das jetzt ein Substantiv oder nur ein lückenfüllendes Brummen?“ Er wandte sich an meinen Gesprächspartner und dessen Blick verfinsterte sich bei den wechselnden Worten. Ich wollte es nicht zu einem Streit kommen lassen und lud ihn auf eine Zigarette vor die Tür ein. Dort traf er ein paar seiner Kollegen und spaßeshalber unterrichtete ich die wenigen mir bekannten Sätze auf tschechisch, da wir auf das Thema meines Praktikums kamen. Ich sagte ihnen was sie sagen müssten, wenn sie in Tschechien auf ein schönes Mädchen trafen und ihr das sagen wollten. Er fragte mich noch einmal, wiederholte meinen Satz und fügte an „Und das mein ich so“. Wie in einer Kurzschlussreaktion bedankte ich mich dünn, überwältigt von solch einem Kompliment in diesen frühen Morgenstunden.

Und da stand er dann auf einmal wieder neben mir. Er legte den Arm um mich und nach einem kurzen Machtkampf zwischen den Parteien, zog er mich wieder in die Wärme. Er amüsierte sich darüber, einem Typen soeben das Mädchen vor der Nase abgeschleppt zu haben. Er begann mit körperlichen Zuwendungen und ich müsste lügen, wenn ich sage, dass ich es nicht genossen hätte, als er hinter mir stand, sein Gesicht in meinem Haar bettend, meine Arme behutsam streichend. Als hätte die Situation einen Magnetismus frei gesetzt, wich er mir nicht mehr von der Seite. Wir redeten eng nebeneinander sitzend über alles mögliche. Es gab mehr als eine Möglichkeit des ersten Kusses, dennoch ging dieser nicht in eine Handlung über. Im Nachhinein betrachtet vielleicht nicht verkehrt, da ich ja keine sechzehn mehr bin und solche Sachen mittlerweile irgendwie die Neigung haben in schwierigen emotionalen Auseinandersetzungen, mit sich selbst oder mit dem Gegenüber, zu enden.

Irgendwann fand ich Anna wieder. Ihre Anwesenheit entspannte mich, da ich mir nebenbei Sorgen darüber machte, wo sie geblieben sein könnte. Da Leon irgendwann alle anderen Aufmerksamkeitswünsche von ihm bekannten Damen ignorierte, mit der Begründung wir müssten jetzt erst einmal dies und jenes machen, war ich Anna sehr dankbar als sie sich verabschiedete und sich mit mir am Zug verabredete. In einem Gespräch erklärte er mir, er hätte seit diesem Abend wieder große Sehnsucht nach irgendeiner Art von Beziehung. Nicht wissend, wie ich diese Nachricht zu deuten hatten, schlug ich ihm vor, mich für ihn umzusehen und er solle einen Ton von sich geben, wenn ihm eine gefiel. Kurz darauf, verlassen von jedwedem Wesen, gab er diesen Ton von sich. Ich war irritiert. Er bot mir diesen Dienst ebenso an und so kam es, dass ich ihm eingestehen musste, dass er mir schon sehr gefiel – und glaubt mir, kurz nachdem ich das sagte, wäre ich am liebsten im siebten Kreis der Hölle verschwunden. Dennoch händelte ich die Situation sehr souverän, als gehörten solcherlei Aussagen zu meinem Alltagsrepertoire an Komplimenten.

Nach langen Wanderungen durch die Situationen des nahenden Morgen, gingen wir zum Treffpunkt des Taxis, den ich vereinbart hatte, um den Zug nicht zu verpassen. Ich verwies darauf länger bleiben zu können und als das Taxi hielt, sagte ich, dass ich so tun könnte, als wäre es nicht meines. Der Taxifahrer rief uns fragend zu, ob wir das Taxi bestellt hätten. Ich sah Leon an und fragte ihn, ob wir ein Taxi bestellt hätten. Er sah mich lange an und lächelte verhalten. Dann nach gefühlten fünf Stunden dieses innigen Blickes, bejahte er und bracht mich zu dem Taxi. Ich bedankte mich und er umarmte mich ein letztes Mal für diesen Morgen. Es drängte sich mir der Gedanke auf, dass ich mit dieser Frage ein sehr große Dummheit begangen hatte, ihn das entscheiden zu lassen. Es wirkt schon, als wäre man unsicher. Andererseits war ich echt müde.

Ich kam mir wahnsinnig dumm vor, da Anna sich fragte, warum ich nun doch zum Bahnhof kam. Sie schrieb mir, dass sie auch allein fahren könnte, wenn sich die Situation für mich ergab. Sie sagte, dass sie das Gefühl hatte, dass sich Leon sehr für mich interessieren würde. Ich dachte das auch, aber irgendwie, nun, neutralisierte sich diese Nähe und mein Gefühl der Unzulänglichkeit wuchs. Ich schüttelte dieses Gefühl ab als ich bei Sonnenaufgang ins Bett ging.

Nächste Woche ist ein Grillabend unseres Studienganges und ich lud Leon inmitten diesen wirklichen langen Abends dazu ein. Unverbindlich natürlich. Es könnte sich um bei der vergangenen Nacht um die Episode einer Serie handeln. Aber mit Sicherheit ist das noch nicht zu bestättigen, da die Reaktion der Protagonisten auf den Piloten abzuwarten bleibt.

September 30, 2011 at 12:06 2 Kommentare

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