Flirthistorische Dokumente: Der Test

Vor einigen Jahren berichtete ich von der Schönheit vom Nine-Inch-Konzert, der ich nach langer Verfolgungs-Odyssee eine Nachricht zukommen ließ, mit der ich sie dazu bewegen konnte, mir zu antworten und sich mit mir zu verabreden. Aus ihrer Sicht gesehen ein Blind-Date, denn alles, was sie von mir wusste, war, dass ich romantische Zettelchen schreiben konnte. Ein bisschen fühlte ich mich wie in der Rolle des Cyrano de Bergerac. Alles, woran ich denken konnte, waren irgendwelche Erwartungen, die es zu erfüllen galt; wie ich ihrer Vorstellung von mir gerecht werden konnte. Ich hatte zwar keine große Nase, trotzdem erschien mir meine physische Ausstattung nicht dem Idealbild eines gut proportionierten Dreamboys zu entsprechen. Hätte ich ein Surfbrett mit mir herumgetragen, hätte man sich bei meinem Anblick die Frage gestellt, für wen ich es aufbewahre.

Ich war gezwungen, mir eine andere Waffe zu wählen. Ich musste im Kampf mit dem Worte Eindruck machen. Da ich auf diesem Gebiet bereits punkten konnte, war das nur logisch. Nein, die Logik diktierte es geradezu. Die Passion Chris kreierte ein paar Fragen für mich in Form eines Tests, der mich auf dieses schwierige Treffen vorbereiten sollte. Wie man sich vielleicht denken kann, habe ich mich nicht besonders gut auf den Test vorbereitet, also waren die vorgegebenen zehn Minuten zum Beantworten der Fragen sehr knapp bemessen. Insofern sind meine Antworten teils unvollständig und erscheinen mitunter auch nicht sonderlich durchdacht … (Die Passion Chris‘ Korrektur ist rot hervorgehoben)

1. Wie begrüßen Sie die Person? (zwei Alternativen, möglichst optimistisch)

Möglichkeit 1: Ich nehme Bezug auf meinen Brief und begrüße sie mit »Hallo, Unbekannte.«

Möglichkeit 2: Ich spreche sie direkt mit ihrem Namen an, da ich mir sicher bin, dass Sie mich dann auch mit meinem Namen anspricht (persönlicher).

Gut, jedoch ist die Nennung des Namens in jedem Fall vorzuziehen, da es gleich eine Verbundenheit herstellt! 3,5/4

2. Wie handeln Sie bei unangenehmen Schweigen? Gehen Sie auch auf mögliche Konsequenzen ein. Bleiben Sie optimistisch.

Ich bringe das Thema Unangenehmes Schweigen direkt zur Sprache, z.B. indem ich die Person frage, ob sie das Schweigen gerade als unangenehm empfindet oder ob sie so ein Schweigen ab und zu begrüßt.

Nicht sehr kreativ, dafür aber fürsorglich, gut. 4/4

3. Arbeiten Sie mindestens fünf Vorschläge für Unternehmungen aus. Vor- und Nachteile nennen.

Vorschlag 1: »Ich bin Fan von Spaziergängen. Wollen wir einen machen?« Das Ganze wird dann in einen Park gelenkt, wo man sich auf die Wiese setzen und sich unterhalten kann. ✓ 1/1 Vorteile: ständig neue Umgebung, somit viele Leute (viele spontane Witze möglich) kann auch schief gehen; es kann sich immer noch was anderes ergeben; man kann sich gut unterhalten ✓ Nachteile? 0,5/1

Vorschlag 2: Der Klassiker Kaffee trinken: Da wir uns ohne direkten Plan, wo wir eigentlich hingehen, treffen, kann man sicher leicht ein geeignetes Etablissement erblicken und sagen »Lass uns doch da reinsetzen.« ✓ 1/1 Vorteile: man kann sich gut unterhalten. Nachteile: essen/trinken kann unattraktiv aussehen f  Wie essen/trinken Sie denn, dass Sie das befürchten müssen? 0,5/1

Vorschlag 3: Für den Fall, dass sie etwas »ausgeflippt« ist, etwas ungewöhnliches wie Picknick. ✓ In den Park gehen oder Nahrung konsumieren halten Sie für normal, beides zusammen aber nicht? Vorteile: romantisch ; gute Atmosphäre zu sprechen Nachteile: essen/trinken unattraktiv f; wetterabhängig ✓ V1 aber auch, 1/1

V4 + V5? 0/2, zus. 5/10

4. Sie sitzen im Café mit der Person, es dämmert, Sie haben bestellt und unterhalten sich. Die Person sagt, eigentlich hält sie nichts von dieser Art Kontaktaufnahme. Was tun Sie?

Ich sage »›Eigentlich‹ bedeutet, dass es vielleicht ein ›aber‹ gibt.« oder »Dann freut es mich, dass wir uns schließlich doch getroffen haben.« (kommt auf die Person und den Verlauf des Gesprächs an)

Gute Ideen, jedoch zu kurz skizziert. Besser: Gegenfrage ›Warum sie dann doch geantwortet hat.‹ 2/4

insg. 14,5/22 3+
Gut gemacht, nächstes Mal nur etwas schneller!

Meine bescheidenen, zumeinst auto-didaktisch angeeigneten Date-Kenntnisse reichten also für ein solides Befriedigend. Die Note, die ich aber für das tatsächliche Treffen verdient hätte … nun ja … ich glaube, dass kein Test mich darauf hätte vorbereiten können. Ein paar Kenntnisse über die Feldzüge eines geschlagenen Generals mit in die Schlacht zu nehmen (nichts für ungut, Chris) war sicher immer noch besser als nichts, aber welche Fragen würde wohl eine Frau in einem solchen Test stellen? Vielleicht ließe sich ja tatsächlich eine hilfreiche Vorbereitung bewerkstelligen. Es wäre schön, wenn man keine Angst mehr vor einem aufregenden Date haben bräuchte, wenn man vorher fleißig gelernt hat …

Oktober 16, 2011 at 18:05 4 Kommentare

the expected unexpected

 

Wir hatten gerade alles fertig, da kamen auch schon die ersten Gäste. Es war Semesterangrillen. Von unserem Fachschaftsrat organisiert. Wir trollten uns durch die Gegend und fingen an mit einem Fußball herum zu eiern. Dann etwas später, als meine Schuhe durch das Spiel anfingen aus dem Leim zu gehen, gesellte ich mich zu einer Gruppe Redenden. Im Augenwinkel Ben, mit dem ich schon auf der Erstiesparty Kontakt hatte. Ich ignorierte ihn. Ich hörte, dass man das so macht, wenn man interessant wirken will. Keine Ahnung, wer sich das ausgedacht hat.

Irgendwann saß ich mit meinem Freigetränk auf einer Bank nahe eines Feuers und unterhielt mich mit einer wissenschaftlichen Mitarbeiterin, die sehr sympathisch war. Ich sah zu Ben, der mir gegenüber in fünf Meter Luftlinie saß und mich anstarrte. Als er aus dem Träumen aufwachte, schaute er zügig weg. Ich wollte ihm zu prosten, um zu signalisieren, dass ich ihn bemerkte. Er ignorierte mich. Ich fand das sehr passend. Nach ewigen Unterhaltungen und drei Freigetränken später, entschloss ich mich, dass Risiko einzugehen und auch neben ihm sitzend meines Seins ignoriert zu werden.

Als ich mich setzte, war von Ignoranz nichts zu spüren. Wir begannen ein Gespräch, welches sich den kompletten Abend hinzog. Und da Feuer eine sehr romantische Stimmung erzeugen kann, genoss ich den Anblick seiner Augen und seines makellos scheinenden Gesichts. Unsere Blicke verhedderten sich und irgendwann blickte man während des Gespräches auch mal zu Boden, um nicht den Faden zu verlieren. Der Abend neigte sich dem Ende und es herrschte Aufbruchstimmung.

Ich fragte, ob ich den Weg mitgehen könne und Ben bot mir an, noch mit in seine WG auf einen Absacker zu kommen. Ich stimmte zu und wir begannen den Abstieg des Berges, den wir jeden Morgen zur Uni hinauf mussten. Und wie nicht anders zu erwarten, stürzte ich. Souverän, als wäre dies geplant, rappelte ich mich auf und war froh, dass die Nacht die Röte meines Gesichtes verbarg.

Angekommen in der WG, tranken wir tatsächlich noch etwas und der Mitbewohner, welcher uns begleitet hatte, verabschiedete sich zur Nachtruhe. Beide boten mir an auf dem Sofa in der Küche zu pennen, wenn ich mit dem letzten Zug nicht zurück wollte. Ich nahm an.

Ben war musikalisch. Ich mag musikalische Menschen. Ich bat ihn mir auf seiner Gitarre vorzuspielen. Er ließ sich nicht bitten und ich war paralysiert davon, wie seine Finger die Saiten bearbeiteten. Es sah aus, als tanzten seine Hände mit einer schönen Frau, die er liebevoll hielt. Die Szene endete damit, dass wir uns Musikvideos anschauten.Wir lachten ausgiebig. Ich fühlte mich wohl.

Als wir noch eine rauchen waren, bot mir Ben an, bei ihm im Bett zu pennen. Ich war mir nicht sicher, ob etwas dahinter steckte, deshalb haderte ich im ersten Moment. Dann warf ich alle Bedenken über Bord und bedankte mich für das Angebot. Er gab mir eine Schlafhose und ich machte mich bettfertig. Als wir dann da so lagen, fingen wir erneut an uns zu unterhalten. Er redete viel.Weiterhin stellte er fest, dass wir viele Gemeinsamkeiten hatten und begrüßte, dass ich soviel lachte. Wir lagen mit gebührendem Abstand nebeneinander und drehten uns von einer Seite zu der anderen. Es fühlte sich ein wenig so an, als würde ich neben einer Freundin schlafen. Ich entspannte mich. Dann erwähnte er nebenbei, dass er eine Freundin hat. Ich stockte. Ich dachte darüber nach, was ich machen würde, wenn ich wüsste, dass fremde Mädchen neben meinem Freund schlafen würden. Es würde mir nicht sonderlich gefallen. Egal wie vertrauenswürdig beide Personen sind. Dennoch fühlte es sich nicht so an, als würde ich neben jemanden liegen, der mich gleich küssen wollte. Semischlafend erzählte er mir von allem möglichen. Von seiner Exfreundin, von seiner ehemals besten Freundin. Und ich dachte vielleicht ist er ja auf der Suche nach einer neuen besten Freundin. Damit hatte ich keine Probleme, da sämtliche körperliche Anziehungskraft durch die Müdigkeit und seine basslastige Stimme, die mich vom schlafen abhielt, im Nirgendwo seines großen Zimmers verhallten.

Um vier schaute er – meines Erachtens ein schwerwiegender Fehler – das letzte Mal auf die Uhr und dann fingen wir an einzuschlafen. Die Nacht war hart. Ich schlafe nicht sonderlich gut, wenn jemand neben mir liegt. Zwischendurch wachte ich immer wieder mal auf. Einmal lag er dicht neben mir. Wir berührten uns nicht, aber ich spürte die Wärme seines schlummernden Körpers. Ich erinnerte mich daran, wie es war neben jemandem aufzuwachen . Die Erinnerung und der Moment in dem ich lag, zauberten mir ein Lächeln auf die Lippen. Das Wissen um tiefe Verbundenheit ereilte mich und setzte sich zu mir ans Bett. Es streichelte mir über das Haar und flüsterte mir zu, ich solle mir keine Sorgen machen. Egal um was.

Ich erwachte und wollte nicht mehr liegen bleiben, also beschloss ich mich aus dem Bett zu stehlen. Ben lag dicht am Rand seiner Bettseite. So lag er, mit dieser einen Ausnahme, die ganze Nacht dort. Ein Gentleman, dachte ich bei mir und nahm meine Sachen. Nachdem er dann auch endlich wach wurde, saßen wir am Tisch und frühstückten. Nebenbei bemerkte er, wie witzig der Abend war. Ich kannte diese Floskel. Man benutze sie, um Situationen zu entschärfen. Er aß etwas und ich trank Kaffee.Wir tauten nur langsam auf. Ich hatte das Gefühl, dass seine Zunge mit ein, zwei Bier lockerer saß. Wir schauten uns nur selten an. Ich wartete noch, bis er sich fertig machte und verließen gemeinsam das Haus. Alles andere hätte ich sehr unhöflich gefunden. Wir verabschiedeten uns mit einem Handschlag, was mehr als kurios war. Aber ich ließ ihn und er ließ mich.

Den Weg nach Haus besang mich Born Gold mit Alabaster Bodyworlds und ich lächelte vor mich hin, erstaunt über meine neue Risikobereitschaft und deren nicht absehbaren Konsequenzen.

Oktober 13, 2011 at 19:00 8 Kommentare

Letztens …

unternahm ich einen Ausflug in ein clubähnliches Etablissement. Ich war eines Konzerts wegen dort, bemerkte aber die Möglichkeiten, die sich mir (nicht) darböten, wenn ich auf der Suche nach einer potentiellen Partnerin gewesen wäre. Ein bisschen erinnerte mich meine Situation an das Trauerspiel – nein, die Saison von Trauerspielen – vor ein paar Jahren als noch ungebundenes Individuum. Denn da ich die Veranstaltung ohne jegliche Begleitung besuchte, konnte man leicht den Eindruck von einem einsamen Jungen gewinnen, der entweder Anschluss oder einfach nur ein gesonnenes Weibchen sucht. Und ich konnte erfahren, wie es um mich bestellt wäre, wenn dieser Eindruck gestimmt hätte. Um es kurz zu fassen: Nicht gut. Schon vor dem Konzert bekam ich eine Gelegenheit, meine sozialen Skills zu testen, als sich ein weibliches Subjekt neben mich auf den Bordstein setzte und fragte, wo man denn etwas zu Rauchen bekäme. »Rauch doch Deine Arschhaare.«, hätte ich am liebsten erwidert, blieb aber höflich bis sie endlich verschwand. Angewidert war ich wieder relativ froh über mein Alleinsein an jenem Abend. Doch die (vermutlich bemitleidenden) Blicke mancher durchaus ansehnlich proportionierter Frauen ließen in mir die Frage aufkommen, was ich wohl tun könnte; was ich wohl tun würde, wenn ich auf der Suche wäre. Ich denke, ich kann mich glücklich schätzen, mich im Balzen nicht mehr erproben zu müssen, denn das Ergebnis sähe sicher genauso traurig aus wie einst. Gut, ich zähle mich auch nicht zu der Gattung Mensch, deren Fauna in der Brunftzeit aus Clubs und Discotheken besteht, trotzdem verspüre ich eine gewisse Ernüchterung, wenn ich dort weniger Erfolg habe als zum Beispiel folgende Personen:

Immerhin gab es während des Konzerts auffallend viel Reibung mit einer Anhängerin des weiblichen Geschlechts, was aufgrund der Menschenmenge zwar kaum zu vermeiden war, mir aber manchmal unnötig erschien. Wenn das ein Annäherungsversuch gewesen sein sollte, so erlosch er mit dem Aufleuchten der Scheinwerfer und des Ekels, den mein Gesicht nun preisgab. Obwohl ich sagen muss, dass ich den Schweiß fremder Frauen dem Schweiß fremder Männer vorziehe. Lieber würde ich ersteren trinken als mich mit letzterem einzureiben.

Nach dem Konzert rundete ein letztes erwähnenswertes Ereignis den Abend passend ab: Während meines nächtlichen Spaziergangs zum Bahnhof lief nicht weit vor mir ein junges Pärchen. Als die beiden sich umdrehten und mich erblickten, zögerten sie einen Moment ehe sie fluchtartig vor mir davonrannten. Das Mädchen schrie sogar. Meine soziale Kompetenz scheint sogar noch die folgender ›Personen‹ zu unterbieten:

Ich bin froh, dass ich mir diesen ganzen Zirkus nicht mehr zumuten muss; mir das Theater sparen kann. Trotzdem war es ein sehr aufschlussreiches Erlebnis. Es war fast so, als würde ich ein altes Schlachtfeld betreten, auf dem ich einst gefallen war. Insofern wünsche ich Audrey mehr Glück, was das angeht. Gute Jagd!

Oktober 9, 2011 at 18:30 2 Kommentare

was männer wollen

Das Problem ist, wenn man jemanden kennen gelernt hat, nicht zu warten. Ich denke in unserem uni-sexuellem Dateverhalten kennt das mittlerweile jeder. Noch schlimmer wird es, wenn man nicht so recht weiß, wie das jetzt laufen soll. Denn da war was. Man wurde irgendwie abgecheckt und derjenige wich einem mit Blicken aus, sowie man selbst. Obwohl man sich vorher versicherte, man suche erst einmal nichts festes. Man schreibt sich unverbindlich. Und dann nach der zweiten Mail wartet man. Auf eine Antwort.Und dann sagt man sich, dass da nichts ist. Das man nicht warten sollte. Und man geht aus, um seine Gedanken abzulenken. Leider zieht man mit Erwartungen los. Und das ist auch ein Problem.

Die Idee eine Veranstaltung zu besuchen, bei der es Konzerte und Lesungen gab, war spontan und ziemlich interessant. Sehr früh am Abend angekommen, nahmen wir knapp vor der Bühne ein Position zum tanzen ein, um dem Bruder eines Kumpels bei seiner drei Tage alten Band anzufeuern. Und an dieser Stelle sei mal gesagt, dass sie klangen, als spielten sie schon sehr lang zusammen. Es war ziemlich gut. Man tanzte und ließ den Blick schweifen.

Irgendwann dann etwas später, bemalte man sich das Gesicht und die Arme gleich dazu. Die Möglichkeit bestand in Form von Gesichtsmalfarbe, da die Veranstaltung zu eigenständiger Kreativität anregte. Ich bemerkte den Atem eines jungen Mannes hinter mir, der mir schon etwas eher am Abend aufgefallen war. Mein Nacken genoss die kühlende Zuwendung, da es doch sehr warm wurde, auch wenn man sich nur knapp bewegte. Er tanzte verdächtig dicht hinter mir und ich war nicht abgeneigt, ihm meine Aufmerksamkeit zu schenken. So drehte ich mich langsam wie der Sekundenzeiger einer Uhr, um ein miteinander-tanzen zu ermöglichen. Der Erfolg blieb aus. Unsere Wege trennten sich ohne Unterhaltung. Es ist durchaus möglich, dass es daran lag, dass ich ihn nie direkt anschaute, sondern auf ein Gespräch wartete. Was ich auf mein Fehlerkonto gutschreibe.

Müde geworden vom Wunsch mir Aufmerksamkeit verschaffen zu wollen, fiel mir ein Typ ins Auge, welcher mich derart stark an meinen ehemaligen Freund erinnerte, dass ich mich fragen musste, ob das jetzt wirklich nötig sei. Aber die Schlacht hatte bereits begonnen. Zwei Blicke später tanzte er nur drei handbreit neben meiner Bekannten und mir. Sie unterhielt sich mit mir und er sich mit seiner männlichen Begleitung. Diese ermöglichte mir sporadisch in seiner Richtung zu schauen. Zweimal trafen sich unsere Blicke und ein gestikulärer Automatismus zauberte mir ein Lächeln ins Gesicht. Normalerweise habe ich die Angewohnheit gleich darauf wieder weg zu sehen. Wahrscheinlich aus Angst vor der Reaktion. Aber diesmal blieb mein Blick standhaft. Es lohnte sich, denn er lächelte zurück.

Währenddessen begann meine Bekannte kleine Plastikbälle, welche herum lagen, in der Gegend herum zu schießen. Ich stieg ein und da der hübsche Junge, der mittlerweile direkt neben mir tanzte, tat er es uns gleich. Eine fußballerische Glanzleistung meinerseits, veranlasste ihn, mir dazu zu gratulieren. Gefühlte drei Stunden später, gingen er und seine Begleitung an die Bar. Meine Bekannte folgte Ihnen, ohne Hintergedanken. Er unterhielt sich an der Bar mit ihr und ich nahm meine Ambitionen, ihn kennen lernen zu wollen, tröstend in die Arme und schob sie in die Schachtel der Schande, welche in meiner Tasche auf Nahrung wartete.

Ernüchtert und zu nüchtern, auf eine Eingebung wartend, stand ich auf der Tanzfläche und begann mich mit der Situation abzufinden. Ich ging dann an die Bar und fragte meine Bekannte, warum sie sich nicht länger mit dem hübschen Jungen unterhielt. Sie sagte, dass sie nicht auf Franzosen stehe. Linker Haken in die Magengegend. Franzose. Meine Ambitionen trommelten wild mit den Fäusten gegen die Wände der Schachtel, in der sie gefangen war. Ich ignorierte sie, nachdem mein Stolz mich zur Seite nahm und mir erklärte, dass es nicht gut für das Seelenheil ist, sich zu entscheiden, zweite Wahl sein zu wollen. Ich befand, dass er Recht hat.

Wir gingen zurück zur Tanzfläche, wo auch der Franzose, freudig über unsere – bzw. ihre – Rückkehr wartete. Sie entschuldigte ich, aufgrund einer schwächelnden Blase und ich stand nur verlassen und etwas beschämt neben ihm. Sein Freund schoss mir einen Ball zu, welchen ich bravurös touchierte. Beide applaudierten, ich riss die Arme in die Höhe. Die Musik begann sich zu ändern. In ein langsames Dubstepdrama. Auf einmal zögerten beide, als sie sich entschlossen, die Szene zu verlassen. Sie wirkten wie zwei rohe Eier ohne Halt auf einem Schiff mit hohem Seegang. Der Franzose steuerte auf mich zu und erkundigte sich, ob ich Dub mochte und teilte mir gleichzeitig mit, dass ihm das zu langsam sei und er lieber auf den anderen Floor wollte. Er schaute mich irgendwie erwartend an. Ich sagte ihm, dass es dort wohl besser sei und deutete an mit zu gehen. Sein Kollege lächelte, was mir quasi die Wahrheit ins Gesicht prügelte. Dieser war es vermutlich, der die Annäherungsversuche verursachte. Leider war er nicht annähernd so attraktiv. Ich ging trotzdem mit. Ich wollte keine Spielverderberin sein.

Angekommen unterhielten wir uns noch eine Weile und ich erfuhr, dass sein Kumpane, kein Wort deutsch spricht und er nur zu Besuch sei. Er hingegen arbeite seit Januar hier. Er sprach gut deutsch – mit einem wirklich unglaublich süßen Akzent – und ich bemerkte dies und bedeutet ihm meine Bewunderung. Die Unterhaltung floss uns unter den Füßen hinfort, wie ein kaputtes Herbstblatt in einem dreckigen Rinnsal die Straße hinunter.

Zwischenzeitlich sah ich den Jungen, welcher mir zuvor den Nacken mit seinem Atem bestäubte. Er stand an der Bar und spielte leidenschaftlich Zunge-versenken mit einem stark angetrunkenem Mädchen. Ist das was Männer wollen? Wenn sie unterwegs sind, meine ich. Ich schätze schon. Aber nüchtern kann man nur schwer auf solche Sachen eingehen. Um ehrlich zu sein, kommt es mir immer zugute, nicht zu trinken. Es hat viele Vorteile. Du hast keinen Kater, du siehst auch nach acht Stunden tanzen relativ frisch aus und du machst nichts, was dir am nächsten Tag eventuell peinlich sein könnte. Und wenn doch, hast du das in vollem Bewusstsein getan und trägst die Konsequenzen mit Würde. Doch wenn es darum geht, sich gehen zu lassen, nicht darüber nachzudenken und das alles zu genießen, ist nicht zu trinken absolut unförderlich.

Ich ging heim und öffnete die Schachtel der Schande einen Spalt weit. Ich sagte meiner Ambition, dass sie etwas ausharren soll, bis ich eine Lösung für das Problem gefunden hätte. Sie sah mich an, nickte verständnisvoll und legte sich dann schlafen. Denn sie war mittlerweile so müde wie ich.

Oktober 8, 2011 at 16:25 5 Kommentare

leon – der mediziner

Es begab sich vor einer Woche, dass ich Leon kennen lernte. Wir warteten separat vor dem Studentenwohnheim unserer Uni, um unsere Schützlinge unter zu bringen, die neu dort sind. Auf einmal stand er neben Anna und mir und wir unterhielten uns. Auf meinen Wunsch an Anna hin, boten wir ihm an, ihn im Auto mit zum Campus zu nehmen. Er kam mit und es stellte sich heraus, dass er dort gar nicht hin musste. Nach erledigter Arbeit, verabschiedeten wir uns freundlich und machten eine lockere Verabredung für die Erstsemesterparty aus. Wir erfuhren seinen Namen nicht, also tauften wir ihn Leon – was sich später als äußerst guter Gesprächseinstieg erwies.

Besagte Woche später, machten Anna und ich mich auf zum allgemeinen Besäufnis der Studenten. Auf dem weg zum Bus, ging mir durch den Kopf, dass ich Leon wiedersehen könnte. Die Nachtschwärze begann zu wachsen und meine Freude über den Aspekt des Wiedersehens mit. Und dann stand er da. Vollgepackt und erkannte uns sofort wieder. Er sagte zu, vor neun an der Bar zu sein, da wir im Dienst der sozialen Einbindung dort unseren Pflicht antraten. Und wie sollte es anders sein, tauchte er natürlich nicht auf. Aber das störte wenig, da ich nach der vorlesungsfreien Zeit viele bekannte Seelen auf Aktualität überprüfte. Ich ging zum Eingang der Lokalität – wir hielten uns nach getaner Arbeit meist im Freien auf – und schaute zu Boden als mich auf einmal jemand an der Schulter berührte. Leon. Du hier. Wir unterhielten uns schmal und er lud mich in die Wärme ein. Dann redete er erst mit einem Mädchen, dann noch mit einem anderen und als mir schlussendlich die Unverbindlichkeit seiner Einladung bewusst wurde, steuerte ich lieber erneut bekannte Gesichter an.

Im Laufe des Abends steuerte er immer wieder zielstrebig auf mich zu, sobald er die Merkmale meines Gesichts einordnen konnte. Ich legte die Angewohnheit ab, ständig auf den Boden zu schauen, sobald wir uns unterhielten. Anna erzählte ihm, dass wir ihn Leon tauften und er war nicht abgeneigt diesen Namen anzunehmen. Für diesen einen Abend. Zum neuen Namen legte er sich auch gleich eine neue Identität zu. Die Wahl fiel zugunsten der Medizin. Er erklärte mir, er sei sprunghaft, was er an diesem Abend mehrmals unter Beweis stellte. Er kam, plauschte, ging. Aber nie ohne sich abzusichern, dass wir noch blieben. Nein das bedeutete nichts, da er dies bei jedem machte, wie mir später auffiel.

Anna verschwand irgendwann im Kreis unserer Kommilitonen und ich war mit Leon allein. Was nicht wirklich zutraf, da er immer wieder verschwand. Zu meinem Erstaunen störte es mich nur geringfügig. Ich war so frei ihm etwas von der Bar mitzubringen, da er Anna zuvor mit einer Gerstenkaltschale beköstigte. Als ich das Bier durch die Reihen chauffierte, blieb ich neben ihm stehen, hatte aber keine Lust seine Aufmerksamkeit zu erwecken, da ich die musikalische Atmosphäre in dem Moment sehr fesselnd fand. Im gleichen Atemzug des Innehalten prostete mir ein junger Mann seitwärts zu und lächelte bestimmt. Ich gab das Bier ab und lächelte zurück. Leon sprang wieder auf seinen Zug der Unruhe – nicht ohne Bescheid zu geben – und der junge Mann, fragte mich was ich studiere. Auf derart Feierlichkeiten immer eine gute Einleitung. Wir verstanden uns auf Anhieb und er war schockiert von dem Aspekt, mich auf dem Campus noch nie gesehen zu haben. Es mischte sich ein stark alkoholisierter Typ ein, dessen Fragen ich nicht einmal annähernd wiedergeben kann, da er sie unverständlich formulierte. Unverständlich im Sinne von „war das jetzt ein Substantiv oder nur ein lückenfüllendes Brummen?“ Er wandte sich an meinen Gesprächspartner und dessen Blick verfinsterte sich bei den wechselnden Worten. Ich wollte es nicht zu einem Streit kommen lassen und lud ihn auf eine Zigarette vor die Tür ein. Dort traf er ein paar seiner Kollegen und spaßeshalber unterrichtete ich die wenigen mir bekannten Sätze auf tschechisch, da wir auf das Thema meines Praktikums kamen. Ich sagte ihnen was sie sagen müssten, wenn sie in Tschechien auf ein schönes Mädchen trafen und ihr das sagen wollten. Er fragte mich noch einmal, wiederholte meinen Satz und fügte an „Und das mein ich so“. Wie in einer Kurzschlussreaktion bedankte ich mich dünn, überwältigt von solch einem Kompliment in diesen frühen Morgenstunden.

Und da stand er dann auf einmal wieder neben mir. Er legte den Arm um mich und nach einem kurzen Machtkampf zwischen den Parteien, zog er mich wieder in die Wärme. Er amüsierte sich darüber, einem Typen soeben das Mädchen vor der Nase abgeschleppt zu haben. Er begann mit körperlichen Zuwendungen und ich müsste lügen, wenn ich sage, dass ich es nicht genossen hätte, als er hinter mir stand, sein Gesicht in meinem Haar bettend, meine Arme behutsam streichend. Als hätte die Situation einen Magnetismus frei gesetzt, wich er mir nicht mehr von der Seite. Wir redeten eng nebeneinander sitzend über alles mögliche. Es gab mehr als eine Möglichkeit des ersten Kusses, dennoch ging dieser nicht in eine Handlung über. Im Nachhinein betrachtet vielleicht nicht verkehrt, da ich ja keine sechzehn mehr bin und solche Sachen mittlerweile irgendwie die Neigung haben in schwierigen emotionalen Auseinandersetzungen, mit sich selbst oder mit dem Gegenüber, zu enden.

Irgendwann fand ich Anna wieder. Ihre Anwesenheit entspannte mich, da ich mir nebenbei Sorgen darüber machte, wo sie geblieben sein könnte. Da Leon irgendwann alle anderen Aufmerksamkeitswünsche von ihm bekannten Damen ignorierte, mit der Begründung wir müssten jetzt erst einmal dies und jenes machen, war ich Anna sehr dankbar als sie sich verabschiedete und sich mit mir am Zug verabredete. In einem Gespräch erklärte er mir, er hätte seit diesem Abend wieder große Sehnsucht nach irgendeiner Art von Beziehung. Nicht wissend, wie ich diese Nachricht zu deuten hatten, schlug ich ihm vor, mich für ihn umzusehen und er solle einen Ton von sich geben, wenn ihm eine gefiel. Kurz darauf, verlassen von jedwedem Wesen, gab er diesen Ton von sich. Ich war irritiert. Er bot mir diesen Dienst ebenso an und so kam es, dass ich ihm eingestehen musste, dass er mir schon sehr gefiel – und glaubt mir, kurz nachdem ich das sagte, wäre ich am liebsten im siebten Kreis der Hölle verschwunden. Dennoch händelte ich die Situation sehr souverän, als gehörten solcherlei Aussagen zu meinem Alltagsrepertoire an Komplimenten.

Nach langen Wanderungen durch die Situationen des nahenden Morgen, gingen wir zum Treffpunkt des Taxis, den ich vereinbart hatte, um den Zug nicht zu verpassen. Ich verwies darauf länger bleiben zu können und als das Taxi hielt, sagte ich, dass ich so tun könnte, als wäre es nicht meines. Der Taxifahrer rief uns fragend zu, ob wir das Taxi bestellt hätten. Ich sah Leon an und fragte ihn, ob wir ein Taxi bestellt hätten. Er sah mich lange an und lächelte verhalten. Dann nach gefühlten fünf Stunden dieses innigen Blickes, bejahte er und bracht mich zu dem Taxi. Ich bedankte mich und er umarmte mich ein letztes Mal für diesen Morgen. Es drängte sich mir der Gedanke auf, dass ich mit dieser Frage ein sehr große Dummheit begangen hatte, ihn das entscheiden zu lassen. Es wirkt schon, als wäre man unsicher. Andererseits war ich echt müde.

Ich kam mir wahnsinnig dumm vor, da Anna sich fragte, warum ich nun doch zum Bahnhof kam. Sie schrieb mir, dass sie auch allein fahren könnte, wenn sich die Situation für mich ergab. Sie sagte, dass sie das Gefühl hatte, dass sich Leon sehr für mich interessieren würde. Ich dachte das auch, aber irgendwie, nun, neutralisierte sich diese Nähe und mein Gefühl der Unzulänglichkeit wuchs. Ich schüttelte dieses Gefühl ab als ich bei Sonnenaufgang ins Bett ging.

Nächste Woche ist ein Grillabend unseres Studienganges und ich lud Leon inmitten diesen wirklichen langen Abends dazu ein. Unverbindlich natürlich. Es könnte sich um bei der vergangenen Nacht um die Episode einer Serie handeln. Aber mit Sicherheit ist das noch nicht zu bestättigen, da die Reaktion der Protagonisten auf den Piloten abzuwarten bleibt.

September 30, 2011 at 12:06 2 Kommentare

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